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Edito: „All in“

Ob Emmanuel Macron am Pokertisch in irgendeinem Casino dieser Welt eine gute Figur abgeben könnte, ohne eine Menge Geld zu verzocken, wissen wir nicht. Aber der 39-Jährige ist mit seinem Vorgehen ein ziemlich gewagtes politisches Pokerspiel eingegangen, das im April 2016 mit der Gründung seiner Bewegung „En Marche!“ begann und bislang vollends aufgegangen ist.

Der neue französische Präsident hat es geschafft, binnen knapp zwölf Monaten mit „En Marche!“ die französische Politiklandschaft vollständig umzukrempeln und den alteingesessenen Parteien – allen voran den französischen Sozialisten – das Wasser abzugraben. Sein Vorhaben, in Frankreich die Weichen neu zu stellen, fing mit dem Zeitpunkt seines Rückzugs aus der vorherigen Regierung an. Macron kündigte im August 2016 seinen Rücktritt aus der Hollande-Regierung an. Der Zeitpunkt war aus mehreren Gründen – unter anderem weil er selbst wegen der „loi Macron“ in der Kritik stand – strategisch gut gewählt. Zudem gab er die damalige Regierungsarbeit zu einem Zeitpunkt auf, wo Präsident Hollande in den Popularitätsumfragen Tiefstwerte erreichte. Mit diesem Schritt blieb Macron noch genügend Zeit, sich abzukanzeln und zu distanzieren, damit ein Teil der Wählerschaft vergessen konnte, dass er selbst seit 2014 als Wirtschaftsminister die Entscheidungen mitgetragen hatte.

Die Politik der „République en Marche“ muss konkrete Resultate liefern.

Nächster cleverer Schritt von Macron war, seine Partei – und es war von Anfang an nichts anderes – ständig als Bewegung zu inszenieren. Marketingtechnisch war es schon ziemlich clever, bis nach dem zweiten Wahlgang der Präsidentenwahlen das Wort „mouvement“ zu benutzen. Das wirkte im Wahlkampf dynamisch und nach Umwälzung, es vermittelte dem potentiellen Wähler, dass man irgendwie anders ist als die „partis traditionelles“, die bis jetzt das Zepter geschwungen haben.

Und auch bei den Legislativwahlen hat „la République en Marche“, wie Macrons Partei seit Mai offiziell heißt, ein gewisses Risiko nicht gescheut. Viele jüngerere, mehr weibliche und zum Teil in der Politiklandschaft bisher völlig unbeschriebene Blätter kandidierten für Macrons Bewegung und haben dem französischen Präsidenten eine komfortable Majorität im Parlament eingebracht. Das alles wirkt auf jeden Fall auf so manch einen erfrischender als eine Politiklandschaft, wo sich scheinbar manche Politiker ad aeternum an ihr Mandat klammern.

Demnach alles eitler Sonnenschein für Macrons fünfjährige Amtszeit? Sicher nicht. Jetzt muss – und das hat die hohe Enthaltung bei der zweiten Runde der Legislativwahlen gezeigt – die Politik der „Republique en Marche“ jede Menge Überzeugungsarbeit leisten, und konkrete Resultate müssen her. Ob dies gelingt, wird sich zeigen. Sollte Macron es trotz seiner komfortablen Majorität im Parlament nicht schaffen, Frankreich fit für die Zukunft zu machen, die Wirtschaft anzukurbeln und die Arbeitslosenquote zu senken, dann könnte Macrons bisheriger Siegeszug zusammenbrechen wie ein schlecht aufgebautes Kartenhaus.

Und dies würde sicherlich im Jahr 2022, wenn die nächsten Präsidentschaftswahlen ins Haus stehen, ein noch größeres Erdbeben auslösen als im Jahr 2017. Und wahrscheinlich den rechtsextremen Front nationale ganz nach vorne katapultieren.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Martine Decker

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