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Edito: Alle Jahre wieder

Man muss sicherlich nicht Uri Geller sein, um verschiedene Dinge vorauszusagen. Etwa, dass der Nationalfeiertag auf den 23. Juni fällt, oder dass am 31. Dezember um Mitternacht die Champagnerkorken knallen. Mittlerweile kann jeder, der sich nur halbwegs für das politische Geschehen interessiert, auch prophezeien, dass regelmäßig irgendein Zeitgenosse auf die Idee kommt vorzuschlagen, die Luxemburger Trikolore durch eine Flagge mit dem „Roude Léiw“ zu ersetzen. Manche Populisten erliegen scheinbar dem Irrglauben, mit dieser Forderung könnten sie, auch außerhalb ihres Freundeskreises auf den sozialen Netzwerken, ihre „15 minutes of Fame“ ergattern.

2006 wurde die Diskussion erstmals von dem damaligen CSV-Fraktionspräsidenten Michel Wolter ins Rollen gebracht. Wolter hatte damals einen dementsprechenden Gesetzesvorschlag eingereicht, mit unter anderem den Begründungen, der Löwe sei erkennbarer und würde der „Nationalflagge eine Einzigartigkeit verleihen“. Die Initiative hatte bei einem Teil der Bevölkerung Erfolg, zumindest an der Anzahl der Familienkarossen gemessen, die damals einen „Ech sinn dofir“-Aufkleber auf ihrer Heckklappe durch die Gegend spazieren fuhren. Für einen Großteil war Wolters Forderung lachhaft oder einfach nur schnurzpiepegal. Und die Initiative mit dem Roten Löwen verpuffte, spätestens als der damalige „Big Boss der CSV“ Juncker sich 2007 klar gegen eine Abänderung der Nationalflagge aussprach.

In Sachen Image würde sich Luxemburg international damit als Operettenstaat inszenieren.

Aber irgendwie schwelgt die Idee noch immer in vielen Köpfen herum, und in Zeiten von öffentlichen Petitionen und dem scheinbaren Wiedererwachen nationalistischer Gefühle – die im Zuge des Referendums gedeihen wie Tomaten in Gewächshaus – sind einige scheinbar sehr hartnäckig. Nachdem im Sommer 2015 eine öffentliche Petition zu dieser Thematik mit 526 Unterschriften zu Ende gegangen war, hat jetzt der gleiche Petitionär noch einmal zugeschlagen und die identische Forderung wieder zum Unterschreiben eingereicht. Der Erfolg lässt auch diesmal auf sich warten. Und so müsste auch der letzte Hinterwäldler irgendwann verstehen, dass eine Fahne mit einem Roten Löwen zwar Luxemburg eine ziemlich einzigartige Flagge bescheren würde, aber sie wäre in etwa vergleichbar mit dem Eisberg für die Titanic. In Sachen Image würde sich Luxemburg international damit als Operettenstaat inszenieren.

Das Ganze lässt allerdings vielleicht tiefer blicken, als man glauben könnte. Und in Zeiten von wachsendem Rechtspopulismus scheint der altbackene Patriotismus, bei dem man sich Gedanken um das Aussehen einer Flagge macht, wichtiger zu sein als etwa die Zukunft einer Europäischen Union, die auf wackeligeren Füßen steht, als manch einer es wahrhaben will und für die die kommenden Eurowahlen wegweisend sein könnten. Oder in Luxemburg könnte man sich Gedanken machen, wie man das Demokratiedefizit (laut Statec lebten in Luxemburg am 1. Januar 2019 47,5 Prozent Ausländer) weiter auffangen kann. Alles wichtiger als die künstlich inszenierte Forderung rund um eine Fahne…

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Martine Decker

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