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Edito: Alles billig oder was?

8,4 Prozent ihres Einkommens gaben die Einwohner hierzulande im Jahr 2017 für das Einkaufen von Lebensmitteln und nicht alkoholischen Getränken aus. Laut Statec waren es 1977 noch 28,7 Prozent. Einer der Faktoren, aber nicht der einzige, der diesen Rückgang sicherlich mit erklärt, ist das verstärkte Aufkommen von großen Supermärkten und auch Discountern, die sich regelmäßig Schnäppchenkriege liefern und mit Tiefstpreisen um Kunden feilschen.

Doch die vermeintlichen Schnäppchen haben auch ihren Preis, zwar nicht für den Kunden, sondern in der Regel für den Hersteller, welcher in der weltweiten Lebensmittelindustrie, die durch Großkonzerne wie Nestlé und Co. dominiert wird, zu den schwächsten Akteuren gehört. Das gilt für den einheimischen Landwirt genauso wie auch für den Kaffeebauer in Südamerika oder den Arbeiter einer Bananenplantage auf den Philippinen. Wer als Konsument genauer hinschaut, der merkt relativ schnell, dass die Preise mancher Lebensmittel kaum ihren reellen Wert widerspiegeln. Zum Beispiel kostet aktuell ein Kilo Bananen (der Preis ist seit Jahren relativ niedrig) den Verbraucher in vielen Supermärkten kaum mehr als 1 Euro und dies trotz Transportwegen von über 10.000 Kilometern. Die gleiche Menge an einheimischen Äpfeln ist in der Regel um einiges teurer. Dass hier etwas faul ist, ist längst bekannt, doch reicht es aus, dass Konsumenten konsequent informiert werden und für Fairtrade-Produkte sensibilisiert werden, damit sie sich wieder bewusst werden, dass Schleuderpreise für Esswaren nur auf Kosten von anderen Menschen, Tieren oder der Umwelt gehen kann?

Während der Corona-Pandemie hat in Deutschland die große Zahl von Infektionen beim Fleischgiganten Tönnies für zwischenzeitliche Empörung gesorgt, weil vielen vor Augen geführt wurde, welche Machenschaften in solch großen Unternehmen an der Tagesordnung stehen, um Fleisch zu Dumpingpreisen auf den Markt werfen zu können. Aber stellt knapp drei Monate später sich der durchschnittliche Konsument, der seine Billig-Grillwurst auf einem 1.000 Euro teuren Marken-Gasgrill brutzelt, nach der ersten Empörungswelle auch jetzt noch diese kritischen Fragen? Eher nicht. Und so kann man in Sachen Lebensmitteln sich kaum eine dauerhafte Verbesserung erwarten, solange dieser Markt durch Preiskämpfe samt irrational tiefer Angebote dominiert wird.

Neben der Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit, die von Fairtrade- und Bio-Labels bereits seit Jahren unternommen wird, müsste der Staat seine Verantwortung übernehmen. Wieso nicht schon in den Schulen Kindern und Jugendlichen vor Augen führen, dass etwas Überlebenswichtiges wie Nahrungsmittel keine Selbstverständlichkeit ist, die man am besten zum quasi-null-Tarif ergattert, sondern etwas Kostbares, was man schätzen und zu einem angebrachten Preis kaufen sollte. Am Ende entpuppt sich das Marketingcredo „Geiz ist geil“ nämlich nur als vermeintliche Wahrheit… einen Neuwagen braucht man nämlich irgendwie nicht wirklich alle drei Jahre.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Martine Decker

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