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Edito: Alles kein Problem?

Zugegeben: Xavier Naidoo, Chefheulboje der „Söhne Mannheims“, ist trotz mehrfacher Anzeigen gegen ihn noch nie verurteilt worden. Doch ganz so unproblematisch, wie er sich selbst sieht, ist der Sänger dennoch nicht, und er gerät nicht umsonst wegen umstrittener Liedtexte des Öfteren in die Aktualität. Mal gibt er sich homophob, mal kokettiert er mehr als nur leicht mit Antisemitismus, gibt sich fundamental christlich, verbreitet Verschwörungstheorien und planscht mit den demokratiefeindlichen Aussagen in seinem letzten Lied „Marionetten“ ganz ungeniert im selben braunen Sumpf wie Pegida, AfD und die Reichsbürgerbewegung.

Am Samstag tritt der 45-Jährige mit seiner Band in der Rockhalle auf, und es ist fest davon auszugehen, dass sich die Mehrheit im Publikum nicht mit diesen problematischen Aussagen und Texten Naidoos auseinandergesetzt hat, sondern vor allem da ist, um gefühlsschwanger die bekannten schwulstigen Schmachtfetzen der „Söhne Mannheims“ mitzugröhlen. Da es allerdings nicht Naidoos erste Entgleisung ist – schwer verständlich und eigentlich kaum nachvollziehbar… auch, dass eine staatlich subventionierte Instanz wie die Rockhalle einen solchen Künstler nutzt, um Geld zu machen.

Nachdem Naidoo wegen des Textes von „Marionetten“ in Deutschland ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist, hat er – wie so viele der Künstler, die zweideutige Parolen als Geschäftsmodell pflegen – sich damit verteidigt, sein Text würde falsch verstanden. Eine Litanei, die wie gesagt auch von Künstlern wie der Band Freiwild und Konsorten runtergebetet wird. Und eine Strategie, die in Luxemburg mittlerweile gerne von Hate-Speech-Verfassern vorgewinselt wird, wenn sie vor den Kadi zitiert werden. Die Missverständnis-Masche hochstilisiert zur ultimativen Abwehrtaktik – geht’s noch? Wer soll diese Vorgehensweise denn bitte glauben?

Die Missverständnis-Masche hochstilisiert zur ultimativen Abwehrtaktik – geht’s noch?

Politische Künstler und Musiker gab es schon immer, wer sich allerdings wie Naidoo mit seinen Texten als Wolf im Schafspelz inszeniert und nicht den Mut hat, zu seinen Texten zu stehen, wenn es unbequem wird, weil die Öffentlichkeit ihm genauer auf die Finger schaut und ihn an den Pranger stellt, den kann man nicht ernst nehmen. Dabei gibt es in der Musikbranche viele Künstler, die ganz Naidoo-unlike den Mut haben, zu ihrer Meinung zu stehen.

Gerade in Wahlkampfzeiten lassen sich Musiker nicht nehmen, unmissverständlich ihre Sicht der Dinge zu äußern. Im amerikanischen Wahlkampf gab es das Projekt „30 Days, 30 Songs“, bei dem Musiker wie Death Cab for Cutie, Franz Ferdinand, Moby oder auch noch R.E.M. täglich einen Anti-Trump-Song veröffentlichten. Als dann klar war, dass die unnachahmliche Föhnmatte das Zepter für vier Jahre bei Uncle Sam schwingen wird, startete eine Reihe von Independent-Artisten ein Projekt mit 100 Liedern unter dem Motto „Our first 100 days“, um Geld für Organisationen zu sammeln, welche durch Trumps Politik in Gefahr sind, von der LGBT-Bewegung bis zu Klimaschutz-Organisationen.

Vor dem zweiten Urnengang in Frankreich hat Loran, eine der Ikonen der französischen Punkszene und ehemaliger Sänger der „Bérurier Noir“ gezeigt, was es heißt, zu seinen Überzeugungen zu stehen. Über 30 Jahre, nachdem er die Punkhymne „la jeunesse emmerde le Front national“ getextet hat, hat er in einem Video dazu aufgerufen, Macron zu wählen. Er meint zwar, dass der „En Marche!“-Mann alles andere als eine gute Lösung sei, allerdings sei alles besser als der „Front national“. Klare Ansagen mit Rückgrat. Wer braucht da noch einen deutschen Schmusebarden mit abstruser Weltanschauung?

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Aktualität, Politik, Multimedia, Bandporträts

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Author: Martine Decker

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