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Edito: Alles muss fließen

Es läuft… ausnahmsweise. Jährlich mutieren von Ende Juli bis Ende August die Luxemburger Straßen vor allem in den Spitzenstunden, von einer zäh sich dahin wälzenden Blechlawine zu einer Art vom Feng Shui inspirierten Asphaltlandschaft, wo Autos fließen wie das Chi bei der daoistischen Harmonielehre. Der Grund, genauso banal wie simpel: Es sind einfach weniger Menschen mit ihrer Blechkarosse auf den Straßen unterwegs.

Wer in dieser Zeit allerdings irgendwie auf „Stop and go“-Entzug ist, der braucht nicht allzuweit über die Landesgrenzen hinauszufahren, um in den „Genuss“ des vollkommenen Stillstandes zu kommen. Egal ob in Frankreich, Belgien oder in Deutschland: Wenn es in den Sommerferien an den Wochenenden halb Europa in den Urlaub zieht, dann reicht ein Unfall aus, damit sich die Sonnenanbeter in spe, statt am Badestrand, für mehrere Stunden in den Sitzen der eignen klimatisierten Karosse entspannen können. Denn egal, ob die sich quer durch Deutschland erstreckende A3, oder die „autoroute du soleil“, die A7 zwischen Lyon und Marseille – wer mit der eigenen Karre in den Urlaub will, für den gehört mittlerweile der Stau leider zu den Sommerferien dazu, genauso wie Sonnencreme und Badehose.

Und das Phänomen nimmt in den letzten Jahren eher zu statt ab, wie eindeutig aus der Staubilanz des deutschen ADACs für das vergangene Jahr hervorgeht. 2017 ist in Deutschland die Zahl der Staus um vier Prozent gestiegen. Juni und September waren die staureichsten Monate. Das alles hat natürlich seinen ökologischen – durch den sinnlosen Verbrauch von Kraftstoff, Lärm und Gestank – , aber auch seinen wirtschaftlichen Preis. In Frankreich prognostiziert die auf Verkehrsinformationen spezialisierte Firma Inrix, dass die mit Stau verbundenen Kosten im Hexagon von 17 Milliarden im Jahr 2013 auf 22 Milliarden im Jahr 2030 ansteigen werden.

Stau gehört zum Sommerurlaub, wie Sonnencreme und Badehose.

Die Frage, die sich stellt: Kann man überhaupt gegen diesen Stillstand vorgehen, in Zeiten wo wirtschaftlicher Wachstum immer mehr Verkehr mit sich zieht? Alleine in Deutschland soll der PKW-Verkehr bis 2020 um 20 Prozent wachsen, der LKW-Verkehr im selben Zeitraum sogar um 34 Prozent. Und diese Zahlen erklären von selbst, dass einer der Hauptgründe für Staus, neben Baustellen, Unfällen oder „Elefantenrennen“, die Überlastung des Straßennetzes ist. Rund 50 Prozent aller Staus sollen auf die Übersättigung der Infrastruktur zurückzuführen sein. Der sogenannte „Stau aus dem Nichts“, welcher durch die Fahrer, sprich den Faktor Mensch mit entsprechendem verkehrstechnischem Fehlverhalten, ist dementsprechend relativ schwierig zu bekämpfen und sogar ein konsequenter, allerdings auch kostspieliger Ausbau der Infrastruktur, lindert das Phänomen nur bedingt.

Die Universität Köln hat vier Hauptgründe ausgemacht, welche diese „Phantomstaus“ erklären können. Erstens zu dichtes Auffahren, samt abruptem Abbremsen, zweitens zu schnelles Aufschließen und dadurch bedingtes ebenso schnelles Abbremsen, drittens gedankliches Abschweifen durch geistige Unterforderung im zähfließenden Verkehr und viertens kontraproduktives Spurwechseln, um vermeintlich schneller voranzukommen.

Und so liegt in Sachen Verkehrsfluss noch jede Menge Verbesserungspotential bei den Autofahrern selbst. Im nächsten Stau kann man dann prima darüber nachdenken, welchen Fehlverhaltens man sich regelmäßig „schuldig“ macht.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Stellvertretender Chefredakteur
Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Martine Decker

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