Home » Politik & Wirtschaft » Editorial » Edito: Bauchgefühle

Edito: Bauchgefühle

Wer behauptet, Gefühle hätten in der Politik nichts zu suchen, täuscht sich. Auch wenn sich die eine oder andere politische Theorie bewahrheitet hat: Politik ist vor allem eine Frage der Stimmungen. „Grau ist im Leben alle Theorie, entscheidend ist auf dem Platz“, hat einmal Adi Preißler gesagt. Gemeint hat der frühere Kicker von Borussia Dortmund den Fußball. Gemünzt könnte es auch auf die Politik sein. Entscheidend ist der Wahltag.

Während die blau-rot-grüne Regierung eine recht ordentliche Bilanz der vergangenen knapp fünf Jahre vorweisen kann, appelliert die CSV nicht zum ersten Mal an die Emotionen der Menschen. Je näher die Parlamentswahl vom 14. Oktober rückt, umso gefühliger – um nicht zu sagen: gefühlvoller – dürfte der Wahlkampf werden. Die Christsozialen haben damit ihre Erfahrung, auch fast fünf Jahre nach ihrem unfreiwilligen Abschied von der Regierungsbank. Allerdings muss hinzugefügt werden, dass sich die anderen Parteien auch an Stimmungen der Wähler orientieren: die LSAP insbesondere im Sinne als (einstige) Arbeiterpartei, die Liberalen ebenso wie die Grünen, déi Lénk nicht weniger als die ADR.

Vom „sicheren Weg“, den die Partei der früheren Premierminister wie Pierre Werner, Jacques Santer und Jean-Claude Juncker einst versprach, ist die CSV als Oppositionspartei nun auf eine angebliche Wechselstimmung in der Wählerschaft umgestiegen. Vor dem Urnengang 2013 malten die CSV-Vorderen wie der damalige Parteichef Michel Wolter noch das Gespenst einer „Gambia“-Koalition an die Wand. Heute warnen die Christsozialen vor einer Fortsetzung von Blau-Rot-Grün.

Politik lebt von Emotionen. Vor allem die CSV dürfte im Wahlkampf darauf setzen.

Nachdem das Bündnis aus DP, LSAP und Grünen im Herbst 2013 zustande gekommen war, verzogen sich nicht wenige CSV-Politiker in die Schmollecke und sprachen sogar von einer „Sauerei“, so Wolter. Wie konnte man die CSV, die sich als ewige Regierungspartei verstanden hatte, nur so überfallartig auskontern, wie es auf dem grünen Rasen Mannschaften wie Belgien und Frankreich, Liverpool und Real Madrid können. Zugleich setzten sich aber auch ein paar vernunftorientierte parteiinterne Kritiker zusammen und verlangten ein Umdenken, eine Neuorientierung, schlichtweg eine Reform der Partei. Die CSV-Macher um den neuen Parteichef Marc Spautz und Fraktionschef Claude Wiseler krempelten die Ärmel hoch.

In die Referendumskampagne 2015 ging die Volkspartei trotz aller Theorie wieder mit einem Appell ans Bauchgefühl der Bürger. Während sich die Bettel-Regierung schwertat, die Notwendigkeit eines Ausländerwahlrechts, einer Senkung des Wahleintrittsalters und einer Beschränkung der politischen Mandate zu erklären, rief die CSV: „Opgepasst! E Kräiz ass séier gemaach!“ Sie hatte damit Erfolg. Und was Erfolg hat, wird gerne wiederholt. Bloß kein „Gambia II“, sagen sich Wiseler und Co., auch wenn der Spitzenkandidat gerne betont, dass es ihm nicht um „Revanche“ geht. Letztere würde nichts anderem als einem Bauchgefühl entspringen.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?