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Edito: Betreutes Denken

Ein Prominenter tritt in den Vereinigten Staaten als Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei an. Er schafft es, mit dem Schüren fremdenfeindlicher Ängste die Wahl für sich zu entscheiden. Philip Roth vermischt in dem Roman „Verschwörung gegen Amerika“ Erinnerungen aus seiner eigenen Jugend im New Jersey der 40er Jahre mit einer alternativen, fiktiven Geschichtsschreibung. Der Prominente in seinem Buch ist Charles Lindbergh, der 1927 als erster Mensch ohne Zwischenstopp mit dem Flugzeug den Atlantik überquerte. Im Roman wird Lindbergh, der mit Hitler sympathisierte, amerikanischer Präsident, schließt ein Bündnis mit den Nazis und macht den Antisemitismus in den USA gesellschaftsfähig.

Vielleicht ahnte Philip Roth, als er das Buch schrieb, schon etwas von der Politik des heutigen US-Präsidenten Donald Trump, von dessen Populismus und Rassismus, von dessen Nationalismus und Faible für autoritäre Herrscher. Der kürzlich verstorbene Schriftsteller war nicht nur ein grandioser Erzähler, sondern galt auch als Chronist Amerikas. Im US-Literaturbetrieb wird seit etwa 150 Jahren immer wieder die Frage gestellt, welcher Roman nun die „Great American Novel“ ist, also der beste amerikanische Roman, der je geschrieben wurde. Der große amerikanische Roman, der exemplarisch das Wesen der USA abbildet. Roth parodierte dieses Spiel in einem Buch gleichnamigen Titels. Ist er deshalb DER amerikanische Schriftsteller?

Oder anders gefragt: Was macht aus einem Schriftsteller einen Nationalautor? Fast alle europäischen Länder haben mindestens einen Autor mit diesem Stellenwert: Voltaire und Hugo in Frankreich, Shakespeare in Großbritannien, Tolstoi und Dostojewski in Russland, Goethe, Schiller und Thomas Mann in Deutschland. Ungeachtet aller Unterschiede stehen sie mit ihren Werken für das Genuine und Unverwechselbare der eigenen Nation. Darüber entschieden, wer zum Nationaldichter taugt, wird letztendlich innerhalb komplexer Kanonisierungsprozesse. Doch braucht ein Land überhaupt einen solchen? Und wenn ja, wer ist es in Luxemburg? Darüber lässt sich trefflich streiten. Von Michel Rodange über Batty Weber bis zu den Brüdern Guy und Nico Helminger ist die Kandidatenliste lang. Letzterer thematisiert in seinem dieses Jahr mit dem Prix Servais ausgezeichneten Buch „Kuerz Chronik vum Menn Malkowitsch sengen Deeg an der Loge“ die jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen hierzulande. Helminger lebte lange Zeit im Ausland, sein Bruder Guy noch heute. Schließlich muss man als Nationalautor nicht in seinem Land leben. So lebt Fernando Aramburu, der Autor von „Patria“, dem großen Roman über den baskischen Terror, seit 1984 in Hannover. Überhaupt ist Nationalliteratur zum Teil auch Migrationsliteratur. Und DEN „Europa-Roman“, wenn von solch einer Kategorie überhaupt die Rede sein kann, hat unlängst der Österreicher Robert Menasse geschrieben.

Von Michel Rodange über Batty Weber bis zu den Brüdern Guy und Nico Helminger ist die Kandidatenliste lang.

Was muss also ein Schriftsteller tun, um dem Kriterium „Nationalautor“ gerecht zu werden? Der Dresdener Uwe Tellkamp wurde vor zehn Jahren für „Der Turm“ in höchsten Tönen gelobt, den großen deutschen „Wenderoman“ geschrieben zu haben. Seit er die Flüchtlingspolitik der deutschen Bundesregierung kritisiert und von einem „Gesinnungskorridor zwischen gewünschter und geduldeter Meinung“ geschrieben hat, wird er der erstarkenden intellektuellen Rechten zugeordnet. Hat er damit gegen die ideologischen Vorgaben verstoßen, die ein „Nationalautor“ verkörpern soll? So wie Monika Maron, die spätestens seit ihrem Roman „Munin oder Chaos im Kopf“ als islamkritisch, fremdenfeindlich und reaktionär gilt und deren Bücher mittlerweile von Buchhändlern aus dem Sortiment genommen oder erst gar nicht mehr bestellt werden.

Im März kritisierte der Publizist Rüdiger Safranski die Distanzierung des Suhrkamp Verlages von Tellkamp als „betreutes Denken“. Muss also Literatur vor allem Gesinnungsliteratur sein, um anerkannt zu werden? Und wo sind die Grenzen der politischen Gesinnung? Kann Nationalliteratur rechts oder muss sie links oder liberal sein? Ja, nein, nein – gute Literatur hat nichts mit Gesinnung zu tun. Schon gar nicht mit einer parteipolitischen Ausrichtung. Ein Parteibuch ist bekanntlich keine gute Literatur. Letztere muss aber nicht unbedingt unpolitisch sein. Nur sollte die politische Aussage und sollten politische Kriterien nicht überwiegen. Ein Schriftsteller darf sich nicht politisch vereinnahmen lassen. Schon gar nicht von Demagogen, weder von rechten noch von linken. Er sollte im besten Fall unabhängig sein. Sie darf politisch engagiert sein, dafür gibt es genügend Beispiele, aber sie muss es nicht. Entscheidend für gute Literatur sind literarische Kriterien. Doch was sind diese? Was unterscheidet Literatur von Nicht-Literatur? Wenn wir von Literatur sprechen, meinen wir Romane, Erzählungen, Dramen, Gedichte, etc. in Unterscheidung von Sachtexten.

Bereits Aristoteles unterschied im vierten Jahrhundert vor Christus den Geschichtenschreiber vom Geschichtsschreiber, also den Dichter vom Historiker: Die Aufgabe des Ersteren sei es nicht zu erzählen, was sich zugetragen hat, sondern das, was sich hätte zutragen können. Viele Sachtexte sind mit der Absicht verfasst zu informieren. Sie berichten aus einem möglichst objektiven Blickwinkel vom Wirklichen. Dies trifft auch auf den Journalismus zu. Sicherlich gibt es Grenzbereiche wie im sogenannten Gonzo-Journalismus, den der amerikanische Journalist und Schriftsteller Hunter S. Thompson prägte: Hierbei steht das eigene Erleben im Vordergrund; der Gonzo-Journalist schreibt radikal subjektiv, die Grenze zwischen Realität und Fiktion kann dabei verschwimmen. Umstritten war bei einigen Kritikern 2015 die Verleihung des Literaturnobelpreises an die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch mit ihrer Collage des tagtäglichen Lebens. Sie schreibt Dokumentarprosa und engagiert sich politisch. „Literatur muss etwas Schöpferisches haben. Sie muss ‚fiction‘, eine eigene Erfindung sein, sie muss eine besondere Sprachqualität haben, und sie muss – das ist eine eigene imaginative und weltverwandelnde Kraft haben“, forderte Iris Radisch in der „Zeit“ und schloss daraus: „Das ist bei Swetlana Alexijewitsch nicht der Fall.“

Bei Philip Roth war dies der Fall. Doch er hat nie den Nobelpreis bekommen. Roth ist in bester Gesellschaft unter anderem mit James Joyce, Vladmir Nabokov und Marcel Proust. Auch sie wurden vom Nobelpreiskomitee übergangen. Sei’s drum, Roth ist und bleibt einer der herausragenden Schriftsteller seiner Zeit. Seine Literatur ist individualistisch und rüttelt an Grenzen wie an Tabus, wenn sein Held Alexander Portnoy in aller Öffentlichkeit onaniert oder es mit einem Stück Rinderleber treibt. Auch anderen politischen Autoren waren die Gesinnungswächter schnuppe – so Norman Mailer, der sich mit Günter Grass solidarisierte, als dieser wegen seiner früheren SS-Mitgliedschaft kritisiert wurde: „Hätte ich in seinen Schuhen gesteckt, wäre ich wohl bei der SS gelandet.“ Mailer war sicher nicht einer rechtsgerichteten Gesinnung verdächtig. Er ließ sich aber auch nicht vorschreiben, was und wie er zu schreiben hatte. Wie Roth war er vor allem eines: frei.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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