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Edito: D-Day

Es war in den frühen Morgenstunden am 6. Juni 1944, als die alliierten Truppen an Omaha und Utah Beach landeten. Mit der Invasion der mehr als 150.000 Soldaten in der Normandie kam der Zweite Weltkrieg seinem Ende einen großen Schritt näher. Die „Operation Neptune“ hatte zwar mit mehreren Tausend Toten auf beiden Seiten einen hohen Preis, war jedoch für die Alliierten ein entscheidender Erfolg: Der Atlantikwall der deutschen Wehrmacht hielt dem Angriff keine 24 Stunden stand. „Das Blatt hat sich gewendet“, sagte der amerikanische Oberbefehlshaber und spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower. Der Sturz des Nazi-Regimes nahm seinen Anfang.

Der D-Day, wie der Tag X heute bezeichnet wird, jährt sich dieses Jahr zum 75. Mal. Einmal mehr wird ihm mit militärischen und politischen Zeremonien gedacht. Bei den Feierlichkeiten im südenglischen Portsmouth wird Donald Trump mit von der Partie sein. Doch dieser ist mit Sicherheit fehl am Platze. „Die Geschichte des D-Days hat an Aktualität nichts eingebüßt“, weiß Eisenhower-Enkelin Susan Elaine Eisenhower, Expertin für internationale Sicherheit. „Wer glaubt, wir sollten zu Hause bleiben und die anderen ihrem Schicksal überlassen, wird durch diesen Krieg eines Besseren belehrt.“ Denn der heutige US-Präsident und dessen Anhänger stehen für ein Amerika, das seine Rolle als Ordnungsmacht der freien Welt aufgibt, für Isolation statt Kooperation, sowie für ein xenophobes und von Rassenkonflikten zerrissenes Amerika.

Ein Konflikt, der die USA seit jeher prägt, ist der zwischen Interventionismus und Isolationismus. Trump geht im Sinne seiner Doktrin von „America First“ den Weg der aggressiven Abschottung und der Unilateralität, die außenpolitisches Handeln ganz dem eigenen Interesse ohne Rücksicht auf die Interessen anderer unterstellt. Derweil haben es die Verfechter des Multilateralismus, die auf Kooperation und Diplomatie setzen, zurzeit schwer. Das Pariser Klimaschutzabkommen, das Iran-Abkommen, Abrüstungs- und Handelsverträge – die Liste der internationalen Übereinkünfte, die Trump aufkündigte oder ablehnte, ist etwa so lang wie die der internationalen Bündnisse, die er geringschätzt, von den Vereinten Nationen über die Nato zur Europäischen Union.

Dabei ist mehr denn je die integrative Seite der internationalen Politik gefordert. Dies gilt aufgrund globaler Herausforderungen (Beispiel Klimawandel) und angesichts der Tatsache, dass die Demokratie in vielen Ländern bedroht ist. Sie ist kein Exportschlager mehr, sondern befindet sich selbst dort auf dem Rückzug, wo sie zu Hause zu sein schien. Dies belegen das Erstarken rechtspopulistischer Parteien bei den Europawahlen sowie der Aufstieg des „Trumpismus“ und rechtsextremer Politiker wie Jair Bolsonaro in Brasilien.

Es stellt sich die große „D-Frage“: die Frage nach der Demokratie und nach einer Vorstellung von Demokratie. Während die USA als Ordnungsmacht weitgehend ausfallen und angesichts der erratischen Politik ihres Präsidenten eher ein Unsicherheitsfaktor als eine Hilfe sind, ruht die Hoffnung umso mehr auf der EU, die selbst den Grundsätzen des Multilateralismus entspricht, also im Idealfall ihre Politik auf Koordination und Integration aufbaut. Angesichts der D-Frage sei zum Jubiläum des D-Day daran erinnert, wofür die Soldaten, am 6. Juni vor 75 Jahren ihr Leben riskiert oder gelassen haben. Für eine freie und demokratische Welt.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Martine Decker

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