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Edito: Dauerhafte Risikogesellschaft

Von einem historischen Rückgang der Wirtschaftsleistung ist im Zuge der Corona-Krise die Rede. Auch wenn sich die luxemburgische Ökonomie im Vergleich zu den anderen Staaten der Eurozone besser gehalten hat, verzeichnete sie einen Einbruch, wie sie selbst im zweiten Quartal 2009, dem schlechtesten Quartal während der Finanzkrise, nicht erlebt hatte. Der Absturz ist hauptsächlich auf den Lockdown als Reaktion auf die Coronavirus-Pandemie zurückzuführen. Die Statistikbehörde Statec rechnet für das gesamte Jahr mit einem Rückgang von etwa sechs Prozent. Eine Aufholjagd der hiesigen Wirtschaft sagen die Statistiker für das kommende Jahr voraus, erwarten jedoch längerfristige strukturelle Schäden – nicht zuletzt eine Verschlechterung der Staatsfinanzen.

„Jetzt haben wir den Beweis dafür, dass eine Gesellschaft Wachstum braucht, um ihren Lebensstandard beizubehalten“, sagte der frühere Minister Luc Frieden, heute Präsident der Chambre de Commerce, unlängst im revue-Interview und zeigte sich dabei um die Wettbewerbsfähigkeit der luxemburgischen Wirtschaft besorgt. Ein Blick in das World Competitiveness Yearbook bestätigt seine Befürchtungen: In dem Ranking ist das Großherzogtum seit 2015 kontinuierlich zurückgefallen und belegt zurzeit den 15. Platz, allerdings vor Deutschland, Frankreich und Belgien. Schwachstellen sind die stagnierende Produktivität der Betriebe und ihre Schwierigkeiten, Talente anzuziehen. Wirtschaftsminister Franz Fayot hingegen wies im „Tageblatt“ Anfang 2020 darauf hin, dass viele Menschen „Bauchschmerzen wegen der Schnelligkeit des Wachstums“ hätten. Der drohende Verkehrskollaps und die Preisexplosion im Wohnsektor werden ebenso als negative Folgen der politischen Fokussierung auf das Wirtschaftswachstum betrachtet wie der Klimawandel. Spätestens seit dem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome von 1972 wird die „growthmania“ kritisiert.

Wir sind an die Grenzen des Wachstums gestoßen.

Doch um welches Wachstum soll es sich künftig handeln? Um das hochgepriesene „qualitative Wachstum“, das u.a. den Konsumenten energiesparende Produkte und bessere Dienstleistungen bringen soll, die wiederum zu weniger Rohstoffverbrauch und geringeren Schadstoffemissionen führen? Fayot sieht eine Chance in der Verknüpfung von Klimaschutz in der Energiepolitik mit der Ökonomie. Der Neustart, den die Regierung ankündigte, soll zu mehr Nachhaltigkeit und in Richtung Kreislaufwirtschaft führen. Ihm sei der „PIB du bien-être“ wichtig, „wo es um Lebensqualität geht“, sagte Fayot kürzlich gegenüber der revue. Dem LSAP-Politiker zufolge herrscht in Luxemburg die Tendenz vor, das Land zu sehr aus dem Blickwinkel der Wettbewerbsfähigkeit zu sehen. Auch wenn die hiesige Wirtschaft in einigen Bereichen Nachhilfe in Sachen Kompetitivität braucht, ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein großer Teil unserer Gesellschaft längst vom Wettbewerbsgeist durchdrungen ist. So werden Kinder und Jugendliche schon früh dem Konkurrenzdenken unterworfen, wenn zum Beispiel in den Schulzeugnissen ihre Positionen im Ranking innerhalb der Klasse stehen. Wer von Anfang an auf Wettkampf getrimmt wird, verinnerlicht den Leistungsgedanken – und läuft Gefahr, überfordert zusammenzubrechen.

Welche Folgen die Corona-Krise langfristig für unsere Gesellschaft hat, ist noch nicht abzusehen. Viele sehen in der Pandemie eine „Chance auf eine bessere Welt“, titelte der „Spiegel“. Dies klingt illusorisch. Einen wirklichen Neustart brachten bisherige Krisen und Katastrophen nicht. Sie wirkten eher wie Beschleuniger bereits vorhandener Entwicklungen. Weder nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 noch nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 hat sich Welt grundlegend verändert.

Unter dem Eindruck der Katastrophe von Tschernobyl 1986 hatte der vor fünf Jahren verstorbene Soziologe Ulrich Beck in seinem Buch „Risikogesellschaft“ darüber geschrieben, wie die Menschen das Gefühl kollektiver Sicherheit verloren haben, weil sie sich der Gefahren des technischen und ökonomischen Fortschritts bewusst geworden sind. Tschernobyl, 9/11, Fukushima und Corona haben uns gezeigt, dass wir in einer dauerhaften „Risikogesellschaft“ leben – in einem Gefühl der Angst, wie Becks Kollege Heinz Bude konstatierte. Verstärkt wird dies durch den von der digitalen Revolution befeuerten Strukturwandel. Wir bewegen uns am Limit. Eine „überforderte Gesellschaft“ nannte dies der Ökonom Meinhard Miegel. Einfach nur mehr Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit sind jedenfalls keine Lösung.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Philippe Reuter

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