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Edito: Dekadenz und Isolation

„Habt keine Angst vor Corona, lasst nicht zu, dass die Krankheit euer Leben dominiert“, so ungefähr twitterte Donald Trump vergangene Woche, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Zuvor hatte er alle Mahnungen der Ansteckungsgefahr missachtet. Wer „Die Maske des roten Todes“ von Edgar Allan Poe kennt, mag vielleicht an diese Erzählung aus dem Jahr 1842 gedacht haben. Der amerikanische Schriftsteller beschreibt darin, wie ein gewisser Prinz Prospero die Gefahren einer grassierenden Seuche nicht wahrhaben will. Bei einem Maskenball in seinem Schloss verbreitet der reiche Adlige Optimismus. Das erinnert wiederum an den kürzlich mit dem Coronavirus infizierten US-Präsidenten, der bei seiner Genesung von der bestmöglichen Medizin profitiert hat, während sich Millionen Bürger seines Landes keine medizinische Versorgung leisten können.

Der 1849 im Alter von 40 Jahren verstorbene Poe schildert in seinen Werken immer wieder die Auswüchse von Macht und Erhabenheit. Basis seiner unheimlichen Geschichten ist dabei häufig Realitätsverweigerung. Auf den US-Schriftsteller beriefen sich später europäische Dichter wie Charles Baudelaire, Paul Verlaine und Oscar Wilde. Wie andere literarische Strömungen des 19. Jahrhunderts werden ihre Werke der sogenannten Dekadenzliteratur zugeordnet, die sich auf ästhetische Weise mit Niedergang und Verfall auseinandersetzt und daraus Kunst macht. Der Franzose Joris-Karl Huysmans hat mit seinem Roman „À rebours“ (Gegen den Strich) von 1884 der Dekadenz ein Denkmal gesetzt. Das Buch wirkt bis heute nach. Der britische Musiker Pete Doherty mit seiner Band „Babyshambles“ und die deutsche Rockgruppe „Tocotronic“ erwiesen ihm mit gleichnamigen Songs ihre Reverenz.

In den Augen der extremen Rechten befinden sich die westlichen Gesellschaften im Niedergang.

Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart bezeichnet die Dekadenz als eine „opulente Lebensbejahung, aber mit dem Wissen um die Sterblichkeit“. Sie sei „ein Exzess, der nicht versucht, diese Sterblichkeit zu betäuben, sondern darüber zu triumphieren“. Dem gegenüber steht die historische und politische Dimension der Dekadenz, die den Verfall einer Zivilisation und zugleich den Verlust der Sinnhaftigkeit einer Gesellschaft bezeichnet. Wer von Dekadenz spricht, meint damit oft auch die korrupten und skandalträchtigen Eliten seines jeweiligen Landes. In der Geschichtswissenschaft stand dies lange Zeit in Bezug auf das Ende des Römischen Reiches. Später griff der deutsche Philosoph Oswald Spengler diesen Gedanken in seinem 1918 erschienenen Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ wieder auf. Aktuell wird die Dekadenz von der Neuen Rechte als Kampfbegriff verwendet. Ihr Vorwurf ist das Versagen der Eliten, was allgemein den Individualismus meint, aber auch die Demokratie. In den Augen von „Identitären“, Reichsbürgern und anderen extrem Rechten sind die westlichen Gesellschaften dekadent und befinden sich im Niedergang – auch die islamischen Fundamentalisten sprechen von westlicher Dekadenz. „Das gesamte Denken der Rechten ist besessen vom Gedanken des Niedergangs“, stellt Volker Weiß in seinem Buch über „Die autoritäre Rechte“ fest. Die Corona-Krise, aber vor allem die Maßnahmen gegen die Pandemie haben die extreme Rechte wieder aktiviert. Diese versucht mit ihrem Hang zu Verschwörungstheorien aus der allgemeinen gesellschaftlichen wie auch individuellen Verunsicherung Kapital zu schlagen. Im Visier hat sie traditionell die ihr verhassten Minderheiten sowie die demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen, eben alles, was nicht in ihr ideologisches Weltbild passt.

Derweil erleben wir die narzisstische Amtsführung eines US-Präsidenten, wie bereits in Poes Erzählung beschrieben. Moralische Werte scheinen Trump nicht zu interessieren. Diese egozentrische Gleichgültigkeit aber auf die gesamten westlichen Gesellschaften zu beziehen und zu behaupten, sie seien dekadent, weil sie keine moralischen Werte hätten, ist falsch. Prinzipien wie Freiheit und Gerechtigkeit, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit wurden über Jahrhunderte erstritten. Sie gilt es zu verteidigen, erst recht in Zeiten sozialer Distanzierung und gesellschaftlicher Isolierung, von „Decadence and Isolation“*. In Poes Erzählung übrigens kann der „Rote Tod“ siegen, weil der Prinz sich nur um sich selbst kümmert, statt Verantwortung für sein krisengeplagtes Land zu übernehmen. Das ist die eigentliche Dekadenz. Die Ignoranz gegenüber dem Schicksal der Menschen.

* ein Musikalbum gleichen Namens gibt es von der deutschen Band „Philip Boa and the Voodoo Club“

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Philippe Reuter

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