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Edito: Der WAAAhnsinn!

„Ich stand wie jeden Morgen im Stau und hörte im Radio eine Sendung über Space Mining“, erzählte kürzlich ein Freund. Er fügte hinzu: „Wie kann es sein, dass Luxemburg sich im Weltall engagiert und wir das tägliche Verkehrschaos nicht in den Griff bekommen?“ Viele stellen sich diese Frage. Die Wirtschaft verzeichnet hohe Wachstumszahlen und findet immer wieder neue Nischen, um sich im internationalen Wettbewerb zu behaupten. Neue Arbeitsplätze werden geschaffen. Die Zahl der Grenzgänger steigt unaufhörlich, die der Einwohner ebenfalls. Riesige Baustellen wie der Ban de Gasperich sind Symbole des Booms. Dennoch kann das Land weder in der Mobilität noch im Wohnungsbau mit der rasanten Entwicklung Schritt halten.

Eine Anfang des Jahres von der US-Gesellschaft Inrix veröffentlichte Studie ergab, dass Autofahrer in Luxemburgs Hauptstadt im Jahr 2016 durchschnittlich 33 Stunden im Stau standen. Damit landete die Stadt unter tausend Städten auf dem 134. Platz. Zwar relativiere sich das „Klischee“ von der „Stau-Stadt“, wie es im Internetportal des Großherzogtums heißt, wenn die Zahlen jener Städte herangezogen würden, die im Ranking ganz oben stehen: Los Angeles mit 104 und Moskau mit 91,4 Stunden. Aber die kalifornische Metropole hat mit 13,3 Millionen Einwohnern in ihrer Agglomeration fast 23-mal so viele Einwohner wie das gesamte Großherzogtum und über 110-mal so viel wie dessen Kapitale. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Blechlawine hierzulande nicht durch die Hauptstadt rollt, sondern über die Autobahnen.

Luxemburg ist in der „soft mobility“ ein Nachzügler.

Die Regierung sei sich der besonderen Situation bewusst und investiere gezielt in die Verbesserung und in den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs, lautet das Lob auf der staatlichen Website. Genannt wird die Luxtram. Als könne sie das Mobilitätsproblem lösen! Wenn ihre Züge bald offiziell auf die Schienen geschickt werden, haben andere Städte das Problem schon gelöst. Viele Metropolen, wie das Fahrrad-Mekka Kopenhagen, setzten längst auf die „soft mobility“. Luxemburg ist für Drahtesel im Alltag Entwicklungsland, in Sachen Tram ein Nachzügler.

Auf das hohe Wachstum von vier, fünf Prozent hat dies keine negativen Auswirkungen. Die Ratingagentur Fitch hat Luxemburg wieder die Bestnote „AAA“ verliehen und geht davon aus, dass der Wachstumstrend bis 2019 anhält. Inklusive Schattenseiten wie Verkehrschaos. Der „WAAAhnsinn“, genährt aus einem Glauben an ein unendliches Wachstum, geht weiter. Er soll im Sinne eines von den Grünen propagierten ökologisch nachhaltigen Kapitalismus abgefedert werden. Doch am derzeitigen Trend ist wenig Nachhaltiges zu entdecken. Ein Mentalitätswandel ist daher nötig. Und dafür braucht es Anreize.

Stefan Kunzmann

Journalist

Ressorts: Politik, Investigativ, Aktuelles

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Author: Martine Decker

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