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Edito: Der Weihnachtsmarx

Samstagabend in Trier. In der Brückenstraße steht eine Menschentraube an der Bushaltestelle vor dem Karl-Marx-Haus. Die meisten Wartenden kommen vom Weihnachtseinkauf und vom Christmarkt. Sie sind vollbepackt mit Geschenken. Sie werden den Shuttlebus zu einem der Park-and-Ride-Plätze nehmen. Auch wenn in den Innenstädten die Kundenzahlen zurückgehen und der Online-Handel den Läden zu schaffen macht: Der Verkauf über das Internet ist ein Wachstumstreiber, der das Weihnachtsgeschäft beflügelt. Der Dezember ist der umsatzstärkste Verkaufsmonat im Jahr.

Was hätte Karl Marx wohl zu dem Konsumrausch gesagt? Schließlich begründete der Philosoph, der am 5. Mai 1818 in Trier geboren wurde, einen wichtigen Strang der Konsumkritik. Doch nicht nur deshalb lohnt es sich noch heute, Marx zu lesen. Zu seinem 200. Geburtstag, der nächstes Jahr gefeiert wird, 150 Jahre nach dem Erscheinen seines Hauptwerks „Das Kapital“ 1867, hundert Jahre nach der Russischen Revolution 1917 und gut ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des real existierenden Sozialismus ist die Marxsche Gesellschaftskritik nach wie vor aktuell. Der große Theoretiker von Sozialismus und Kommunismus beschreibt die Ausbeutung der Arbeiter im 19. Jahrhundert, ebenso die Kinderarbeit, was zumindest in den Entwicklungsländern noch heute fortexistiert. Marx erklärt anhand von Beispielen und Statistiken, wie die Mechanisierung unter kapitalistischen Bedingungen die Arbeitslast nicht vermindert, sondern den Druck erhöht. Ähnliche Gefahren wie jene, die von der Mechanisierung ausgingen, werden heute im Zuge der Digitalisierung befürchtet: Angesichts des „Internets der Dinge“ lässt die technische Innovation einerseits Arbeitsplätze entstehen und macht andere überflüssig. Nicht zuletzt empört er sich über das Finanzsystem und die von Spekulanten provozierten Finanzkrisen: „Diese Bande weiß nichts von der Produktion und hat nichts mit ihr zu tun“, heißt es in „Das Kapital“.

Sogar der liberale deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn, der wohl kaum im Verdacht steht, ein Marxist zu sein, hält den Trierer für einen der bedeutendsten Makroökonomen. Sinn verweist auf dessen Standpunkt, „dass die ökonomische Basis einer Volkswirtschaft sich unaufhörlich weiterentwickele, während der ideologische Überbau in Form der Meinungen der herrschenden Klasse, heute könnte man wohl vom politisch-medialen Komplex sprechen, unflexibel sei.“ Und wie verhält es sich nun mit der Haltung des Theoretikers zum Konsum? Vor Marx waren jedenfalls Begriffe wie „Konsum“ oder „Investition“ kaum relevant. Für ihn jedoch ist der Konsum ein wesentliches Element der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Stockt der Konsum, kann es zu einer Unterkonsumtionskrise kommen, die Wirtschaft landet in einer konjunkturellen Abwärtsspirale. Wobei es aber nicht nur auf Konsumnachfrage und Massenkaufkraft ankommt, sondern auch auf die Nachfrage der Unternehmen nach Kapitalgütern, die sie akkumulieren. Marx unterscheidet also zwischen individuellem und produktivem Konsum.

Marx entwickelte außerdem eine Wachstumstheorie, derzufolge Wachstum nicht durch den Konsum, sondern durch Konsumverzicht entsteht: Je größer der Anteil des Volkseinkommens ist, der nicht konsumiert, sondern gespart und investiert wird, desto höher sei die Wachstumsrate der Wirtschaft. In „Das Kapital“ bezeichnet Marx das „verdinglichte“ Verhältnis zu Produkten als Warenfetischismus. Wenn er vom „Fetischcharakter der Ware“ spricht, meint er damit nicht etwa die Auswüchse der Konsumgesellschaft, sondern das Eigenleben der Waren, das sich nicht mehr nach dem Gebrauchswert der Ware, sondern nach einem fiktiven Tauschwert richtet.
In einer Zeit, in der sich der Mensch weniger mit seiner Arbeit als mit seinem individuellen Konsum identifiziert, ist es schwer zu verstehen, dass Wachstum durch Konsumverzicht entstehen soll. Vielmehr gilt die Faustregel: Höhere Löhne führen automatisch zu mehr Konsum – und zu mehr Wachstum. Mehr und mehr wird über die Frage debattiert, welches Wachstum wir überhaupt wollen und wie ein nachhaltiges Wachstum aussehen kann – zuletzt in der jüngsten Chamber-Debatte über das Budget. Welche Antwort Marx auf die Wachstumskritiker von heute parat hätte, gilt es zu hinterfragen. Zum Konsum hatte er eine klare Aussage: „Wie am ersten Tag seiner Erscheinung auf der Erdbühne, muss der Mensch noch jeden Tag konsumieren, bevor und während er produziert.“ Auch vor dem Geburtshaus des Philosophen.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: alommel

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