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Edito: Die Chauvinisten

„Mein Freund Harvey“ heißt ein Hollywood-Film aus dem Jahre 1950. Er handelt von einem schrulligen Mann, gespielt von James Stewart, der einen zwei Meter großen Hasen namens Harvey zum Freund hat, der für alle anderen Menschen unsichtbar ist. Einen anderen Harvey – den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein – will heute wohl kaum noch jemand öffentlich zum Freund haben. Er soll reihenweise Schauspielerinnen missbraucht und danach mit Geldabfindungen zum Schweigen gebracht haben. Nachdem die Vorwürfe gegenüber Weinstein veröffentlicht worden waren, wurden Frauen unter dem Hashtag #MeToo aufgerufen sich zu äußern, wenn sie Opfer sexueller Übergriffe geworden sind.

Die darauf folgende Welle von Anschuldigungen und Solidaritätsbekundungen für die Opfer schien nicht abzuebben. Doch bald gab es auch Gegenreaktionen: Während die eine Seite sich im Stile der Empörungskultur auslässt, warnt die andere vor Hysterie und Hexenjagd. In der Tat ist bis heute für viele nicht wirklich geklärt, wo das Flirten aufhört und wo die sexuelle Belästigung anfängt. Eines aber ist sicher: Die aktuelle Diskussion hat den Fall Weinstein längst hinter sich gelassen. Die Debatte ist in der Gesellschaft angekommen, indem über Sexismus und nicht vorhandene Gleichberechtigung gesprochen wird.

Der eigentliche Skandal hinter dem Skandal ist, dass es neben Harvey Weinstein noch unzählige andere, lange Zeit unsichtbare „Harveys“ gibt. Bereits in der Affäre um den deutschen Politiker Rainer Brüderle, der eine Journalistin mit einer anzüglichen Bemerkung belästigt hatte, war die Empörung groß und äußerte sich unter #Aufschrei. Zu einem Aufschrei führte auch die „Grab the pussy“-Bemerkung des bekennenden Grapschers Donald Trump. Nicht zu vergessen sind die Skandale um den einstigen Direktor des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn.

Ob sexueller Missbrauch oder der Missbrauch von Macht, beides gehört bestraft.

Es geht um männlichen Machtmissbrauch, der im Showbiz ebenso präsent ist wie in Politik und Wirtschaft – und zwar in allen Ländern, auch in Luxemburg, sowohl im politisch konservativen Milieu als auch im liberalen oder linken. Die mit der 68er-Bewegung verbundene sexuelle Befreiung überwand zwar die Prüderie der Fünfzigerjahre, schuf jedoch auch ein Amalgam aus Machismo und linken Ideen, aus männlichem Chauvinismus und aufgeklärtem Denken. „Die linksliberalen Gentlemen nahmen sich das Beste aus beiden Welten“, schrieb dazu Iris Radisch in „Die Zeit“. Sicherlich besteht im Zuge der aktuellen Sexismus-Debatte die Gefahr, dass in manchen Fällen nicht mehr zwischen einem harmlosen Flirt und sexueller Belästigung unterschieden wird. Sicherlich ist es nicht einfach, jedes Mal zwischen Kompliment und Anmache zu trennen. Sicherlich kann und darf nicht alles in einen Topf geworfen werden. Im Gegenteil: Es muss differenziert werden. Und es muss gegen sexuelle Übergriffe vorgegangen werden: Busengrapschen und Po-Tätscheln sollte bestraft werden, erst recht, wenn ein Vorgesetzter dadurch seine Machtposition ausnutzt. Ob sexueller Missbrauch oder Machtmissbrauch, beides gehört strafrechtlich geahndet.

Doch es geht um mehr. Nach wie vor gibt es einen häufig versteckten, bisweilen offenen Sexismus, der sich lange Zeit unter dem Deckmantel des anzüglichen Männerwitzes oder der saloppen Ausdrucksweise versteckte. Die Sozialpsychologin Julia Becker unterscheidet zwischen feindlichem und wohlwollendem Sexismus: Ersterer ist eine deutlich negative Sicht auf Frauen, wohlwollende Sexisten hingegen seien überzeugt, dass Frauen beschützt und versorgt werden sollten, als das sanftere Geschlecht. „Frauen können genauso sexistisch sein wie Männer“, stellt Becker fest. Klischees gibt es über Männer genauso wie über Frauen, vom Phänomen „Männerschnupfen“ bis zu Blondinen-Witzen. Sie sind oft wenig ernst gemeint, aber nicht selten auch viel zu ernst genommen. Nun soll der Spaß vorbei sein, geopfert auf dem Scheiterhaufen der Political Correctness? Und wie verhält es sich mit den Komplimenten? Muss man jetzt jedes Wort auf die Waagschale legen, damit sich niemand angegriffen fühlt? Wie der Wirbelsturm „Harvey“ wird auch dieser Skandal bald vorübergezogen sein. Ist die eine Welle der Offenbarung sexueller Belästigung abgeebbt, folgt die nächste. Die Chauvinisten wird es weiter geben. Aber sie müssen sich künftig warm anziehen. Denn heute werden sie schneller entlarvt als jemals zuvor.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Martine Decker

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