Home » Politik & Wirtschaft » Editorial » Edito: Die Unvollendeten

Edito: Die Unvollendeten

In letzter Zeit war viel von der „Goldenen Generation“ die Rede. Nicht zum ersten Mal. Dieses Mal ging es vor allem um die belgische Fußballnationalmannschaft. Sie gehörte schon vor der Weltmeisterschaft in Russland als Geheimfavorit zum erweiterten Kreis der Titelkandidaten. Allerdings weiß niemand so recht, was es bedarf, um als „golden“ bezeichnet zu werden. Ist es ein Titel, ein Ritterschlag, eine Heiligsprechung? Oder reicht eine geballte Anhäufung von Genialität oder gar nur Talent? Auch im Zusammenhang mit anderen Nationalteams wird von „Goldenen Generationen“ gesprochen: Die spanische „furia roja“, 2008 und 2012 Europameister und 2010 Weltmeister, „les Bleus“ um Zidane 1998 und 2000 ebenfalls. Und heute die „Diables rouges“ um De Bruyne, die nun durch eine taktische Meisterleistung der Franzosen und ein Kopfballtor des französischen Verteidigers Umtiti zum Kreis der Unvollendeten gehören.

„Goldene Generationen“ gab es schon immer, jedoch war damit nicht immer ein Triumph verbunden. Es ist kein Titel, den nur Sieger verdienen. Zwar gewann eine Gruppe von portugiesischen Nachwuchsspielern für ihr Land vor knapp 30 Jahren zwei Junioren-Weltmeisterschaften. Spieler wie Luís Figo und Rui Costa zu Goldjungen zu machen, war mit der Hoffnung verbunden, dass sie auch einmal mit der Männermannschaft einen Titel holten. Dazu kam es aber nicht. Ähnlich erging es anderen Spielergenerationen in Ungarn, Tschechien und Brasilien. Viele starben in Schönheit.

Im Nachhinein eine „Goldene Generation“ oder ein „Goldenes Zeitalter“ zu benennen, entspricht der Idealisierung einer bestimmten Phase in der Vergangenheit. Sie im Voraus so zu bezeichnen, wirkt wie eine Last. Das „Gold“ wiegt schwer. Auch in der Kultur, wenn eine Epoche als Zeit hoher kultureller Blüte gilt. In den Niederlanden ist es das 17. Jahrhundert, in Spanien stellt das „Siglo de Oro“ den Übergang von der Renaissance zum Barock dar und beinhaltet Literatur und bildende Kunst. In der antiken Mythologie ist mit dem goldenen Zeitalter die vorzivilisatorische Urphase der Menschheit gemeint.
Im politischen und wirtschaftlichen Kontext wird eher selten von „golden“ gesprochen. Auch wenn hierbei nicht wenige Menschen zu der Annahme neigen, dass früher alles besser gewesen sei. Es gab die „Trente Glorieuses“, die drei Jahrzehnte des Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg, in Deutschland gab es die Goldenen Zwanziger von 1924 bis 1929. Doch die Vergangenheitsverklärung ist kein gangbarer Weg. Denn früher war vieles schlechter, am meisten gesellschaftspolitisch. Rassismus gehörte häufiger zum Alltag, von der Gleichberechtigung der Frau war die Gesellschaft weit entfernt, Homosexualität galt als Verbrechen.

In der Politik verbietet es sich, von der „Goldenen Generation“ zu sprechen.

Sicher ist eine bestimmte Ära erst dann historisch einzuordnen, wenn sie vergangen ist. Die derzeitig regierende Dreierkoalition hingegen wurde früh „historisiert“,
weil sich die 2013 gestürzte CSV lange Zeit nicht mit der Oppositionsrolle zufrieden geben wollte, und weil nur mit einer kurzen Verweilzeit von Blau-Rot-Grün gerechnet wurde. Letzteres Bündnis hat jedoch viele – allen Unkenrufen zum Trotz – eines Besseren belehrt: Die Staatsfinanzen wurden stabilisiert und finanzpolitisch heikle Situationen wie der Luxleaks-Skandal überstanden, das Steuersystem wurde ebenso reformiert wie die Gemeindefinanzen, die Polizei, der Strafvollzug und und der Zivilschutz. Die gesellschaftspolitischen Reformen manifestieren sich in der gleichgeschlechtlichen Ehe über das Abtreibungsrecht bis hin zum Scheidungsrecht. Die Trennung von Staat und Kirche ist eine der prägendsten Errungenschaften. In der Klima- und Umweltschutzpolitik wurden Fortschritte erzielt. Die Liste ist unvollständig.

Die Dreierkoalition brachte viel auf den Weg, aber ihr Werk bleibt unvollendet. Die Verfassungsreform ist noch nicht abgeschlossen. Einige politische Reformen wurden vor drei Jahren in einem Referendum vernichtend abgelehnt. Wichtige Herausforderungen wie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die soziale Kohäsion, die Situation im Wohnungsbau, der Verkehrskollaps bedeuten „work in progress“. Goldmedaillen gibt es dafür nicht. Der analytische Blick in die Vergangenheit und der visionäre in die Zukunft sind gefragt. Das Gold soll Sportlern und Künstlern überlassen bleiben. Heroisierung und Personenkult gibt es leider auch in der Politik. Sie haben aber dort nichts zu suchen. Verstand und Anstand, Augenmaß und Verantwortung müssen Priorität genießen – und eine solide Arbeit von glaubwürdigen Politikern.

Stefan Kunzmann

Journalist

Chefredakteur
Ressorts: Politik & Wirtschaft

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Login

Lost your password?