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Edito: Ein Unwort

Knapp 150 Tage ist Donald Trump im Amt. Vieles von dem, was der Unternehmer im Wahlkampf angekündigt hatte, konnte er nicht umsetzen… und man kann schon jetzt sicher sein, dass er einige Sachen auch nie wird umsetzen können. Die von ihm angewandte populistische Masche auf komplizierte und komplexe Probleme, simple Lösungen – die nicht mal ernsthaft durchdacht sind – vorzuschlagen, haben dem 71-Jährigen zwar geholfen, den Wahlkampf knapp für sich zu entscheiden, erweisen sich aber jetzt als Bumerang, der selbst einen Teil seiner Wählerschaft erschaudern lässt.

Egal ob beim „Travel ban“ oder bei seiner Ankündigung aus dem Pariser Klima-Abkommen aussteigen zu wollen, der Gegenwind nimmt zu, auch in den USA. Seit seinem Amtsantritt und – wo noch einige geglaubt haben, das Verhalten des kritikresistenten Narzissten würde sich als Präsident schlagartig ändern – sind die Umfragewerte für Trump im Dauerfall. Am 10. März, nach seiner ersten Rede vor dem Kongress hielten noch 45 Prozent der Amerikaner Trump für einen guten Präsidenten. Mittlerweile hat Trump deutlich an Zustimmung verloren und konnte laut der Internetseite Gallup.com Anfang Juni nur noch 36 Prozent der Amerikaner überzeugen. Sein Vorgänger Obama hatte im Vergleich dazu im Juni 2009 die Zustimmung von 63 Prozent der Amerikaner.

Politik ist mehr als Sprüche klopfen.

Seit letzte Woche der geschasste Ex-FBI-Chef James Comey vor dem Geheimdienstausschuss des Senats über die Russland-Ermittlungen des FBI und der vermeintlichen Einflussnahme von Trump ausgesagt hat, steht Trump noch etwas mehr im Regen. Bei den Republikanern steht man zwar (noch) hinter dem Präsidenten, doch so manch ein Parteimitglied dürfte schon jetzt skeptisch auf die Midterm-Wahlen im November 2018 schielen und sich fragen, ob es mit Trump an der Spitze überhaupt möglich ist, die aktuelle Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus zu behalten.

Umso erstaunlicher, dass in letzter Zeit, immer dann, wenn Trumps Politik kritisch beäugt wird – egal ob von Medien, ausländischen politischen Verantwortlichen oder Wirtschaftsbossen – im Internet und vor allem in den sozialen Netzwerken, ein Unwort immer häufiger von einigen Usern genannt wird: „Trump-Bashing“ und das halten diese Leute dann für unfair und völlig überzogen und am liebsten würden sie auch noch das Ganze genauso mit dem „Fake News“-Stempel versehen, wie es Trump selbst tut, wenn ihm unangenehme Wahrheiten unter die Nase gerieben werden.

Das löst dann schon mal Stirnrunzeln aus, und man muss sich ernsthaft fragen, wie solche Leute die Politik des amerikanischen Präsidenten denn einschätzen? Heißen sie wirklich Dinge wie den Austritt aus dem Pariser Klima-Abkommen als richtig an? Wohl eher nicht, die meisten sind wahrscheinlich einfach nur Fan eines alten Mannes, der in ihren Augen ein neuer Held am Polithimmel ist, weil er markige Sprüche klopft und rüpelhaft auftritt. Wäre Politik doch nur so einfach…

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Stellvertretender Chefredakteur
Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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