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Edito: Es war einmal der Westen

Ein Mann steht mit dem Hals in einer Schlinge auf den Schultern seines halbwüchsigen Bruders – und stirbt, als dieser entkräftet zusammenbricht. Ein Bandit hatte dem Jungen eine Mundharmonika in den Mund gesteckt und ihn aufgefordert, darauf zu spielen. Der berühmte Italo-Western „C´era una volta il West“ von Sergio Leone (1968) ist ein Abgesang auf den Wilden Westen.

Ein Abgesang anderer Art findet seit Jahren statt – und zwar auf das, was wir unter dem sogenannten Westen verstehen. Der „Westen“ ist ein vager Begriff, der für Demokratie und Marktwirtschaft steht und angeblich auch für Bürger- und Menschenrechte. Das „Luxemburger Wort“ schrieb Ende des vergangenen Jahres vom „Abstieg des Westens“; so nannte der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer auch eines seiner Bücher; über die „Kapitulation des Westens“ war im „Spiegel“ zu lesen; das „Ende des Westens“ sah der „Stern“ nach den ersten Amtsjahren von US-Präsident Donald Trump eingeläutet; und für die „Neue Züricher Zeitung“ war die „transatlantische Kooperation im Wanken begriffen“.

Das Jahr 1945 war ein Einschnitt. Sechs Jahre lang hatte der Zweite Weltkrieg in Europa und Fernost 55 Millionen Menschenleben gekostet, sechs Millionen Menschen jüdischer Herkunft waren einem Genozid zum Opfer gefallen, ebenso Sinti und Roma und andere Menschen, die in den Konzentrationslagern ihr Leben ließen. Für die Menschen im Westen Europas war das Kriegsende eine Befreiung – von den Nazis. In Deutschland übernahmen die Siegermächte die Herrschaft und bestimmten jahrzehntelang über das Land, während die Sowjetunion in Mittel- und Osteuropa das Zepter schwang.
Der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill sprach vom „Eisernen Vorhang“. Der Ost-West-Konflikt nahm spätestens mit der „Truman-Doktrin“ 1947, deren Ziel es war, die sowjetische Expansion aufzuhalten, seinen Lauf. Historiker sehen im Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki durch die Amerikaner im August 1945 den Beginn einer neuen Zeitrechnung: Hiroshima sei der letzte amerikanische Einsatz im Zweiten Weltkrieg und Nagasaki der erste im Kalten Krieg gewesen, schreiben die Historiker Campbell Craig und Sergey Radchenko in ihrem Buch „The Atomic Bomb and the Origins oft the Cold War“.

Die Demokratie ist unter Druck und die transatlantische Kooperation im Wanken.

Mit der genannten Zäsur war eine Epoche zu Ende gegangen, der europäische Imperialismus – „das europäische Zeitalter“, wie es der Politikwissenschaftler Karl Dietrich Bracher nannte. Mit dem Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg war es aber nicht gut bestellt, denn der Kalte Krieg brachte vor allem in der Dritten Welt viele Stellvertreterkriege mit sich. Mit Freiheit, Wohlstand und Demokratie war es nicht einmal im westlichen Kernland weit her: Man denke an die Kommunistenjagd der McCarthy-Ära und daran, dass die Afroamerikaner erst mühsam ihre Bürgerrechte erstreiten mussten – und nicht zuletzt im lateinamerikanischen „Hinterhof“ mithilfe des US-Auslandsgeheimdienstes CIA grausame Militärdiktaturen errichtet wurden.

Als es vor 30 Jahren zu einer weiteren Zäsur kam, indem die Berliner Mauer fiel und das Sowjetimperium mit seinen Satellitenstaaten in sich zusammenbrach, ersann der US-Politologe Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ und sah die liberalen Prinzipien in Form von Demokratie und Marktwirtschaft auf dem Siegeszug. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Die USA haben ihre Rolle als Vorreiter des liberalen Universalismus aufgegeben, stellt der bulgarische Philosoph Ivan Krastev fest. Der Westen sei tot. Oder zumindest „in limbo“, wie es die Amerikaner nennen würden.

Obwohl US-Außenminister Mike Pompeo bei der Sicherheitskonferenz in München im Februar behauptete, der Westen würde gewinnen, steckt die NATO als Sicherheitsbündnis in der Krise. Die USA, durch das desaströse Krisenmanagement ihres Präsidenten zum Zentrum der Corona-Pandemie geworden, drohen selbst als Supermacht zu implodieren. Von ihrer Rolle als Garant einer liberalen Weltordnung haben sie sich verabschiedet. Sie brüskieren Verbündete, während Demokratie und Freihandel weltweit in Bedrängnis sind. Der große Herausforderer China inszeniert sich derweil, nicht zuletzt in der Corona-Krise, als Retter der Welt. Und der Westen, im Inneren bedroht von autoritären Tendenzen, steckt mehr und mehr mit dem Hals in der Schlinge.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Martine Decker

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