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Edito: Eternal Fango

„Ich bin ein Minister. Holt mich hier raus!“ Zur Teilnahme an der deutschen Realityshow „Dschungelcamp“ reicht es für Etienne Schneider sicherlich nicht mehr. Denn die neue Staffel wird schon abgedreht sein, wenn er – wie einst sein Vorgänger Jeannot Krecké 2012 – Anfang Februar von seinen Ministerämtern zurücktritt. Derlei hat er auch gar nicht nötig, denn als Regierungsmitglied hat er die luxemburgische Politik in den vergangenen Jahren entscheidend mitgeprägt. Der Abschied des Vizepremiers und Vielfachministers kommt nach dem Motto: „Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.“ Ganz so schön kann es dann doch nicht gewesen sein, denn ein wichtiger Grund für seinen Rücktritt ist das mäßige Abschneiden seiner sozialistischen Arbeiterpartei (und von ihm selbst) bei den nationalen Wahlen 2018.

Zwar mag es ein paar wenige Gemeinsamkeiten zwischen Dschungelcamp und Regierung geben, schließlich muss auch eine Partei bzw. ein Politiker, der in eine Koalition eintritt, einige Kröten schlucken, bietet sich noch viel mehr ein popkultureller Vergleich mit der deutschen Band „Wir sind Helden“ an. Diese besang schon in ihrem ersten Album 2003 in konsumkritischer Manier das, was Etienne Schneider kürzlich sagte: „Ich will mein Leben zurück.“ Er zieht damit konsequent das durch, was beim Referendum von 2015 gefragt wurde, als es um eine Mandatsbegrenzung auf zehn Jahre ging. Ob man „nach zehn Jahren die besten Eier gelegt“ hat, wie Schneider behauptet, sei dahingestellt. Jedenfalls hat es in der Geschichte Luxemburgs schon viele Politiker gegeben, die glaubten, ein Ministeramt sei ein „Eternal Tango“. Während sich besagte Rockband nach zehn Jahren auflöste, brachte es der CSV-Politiker Fernand Boden einst auf eine 30 Jahre währende Ministerzeit (1979-2009). Seine Partei wiegte mit dem Versprechen der Kontinuität und des sicheren Weges das Wahlvolk in Sicherheit. Wie Fangotherapie statt Tango.

Ob man „nach zehn Jahren die besten Eier gelegt“ hat, wie Schneider behauptet, sei dahingestellt.

Paul Eyschen war sogar 27 Jahre lang Premierminister (1888-1915) und Pierre Werner, als einer seiner Nachfolger, 20 Jahre Regierungschef und fünf Jahre Minister. Verhältnismäßig bescheiden wirken dagegen die 18 Jahre von Jean-Claude Juncker als Premier (1995-2013). Dass ausgerechnet Luxemburg zu jenen Ländern Europas gehört, in denen die Minister am längsten im Amt sind, verwundert nicht. Dienstältester Außenminister der Europäischen Union ist folglich kein Geringerer als Jean Asselborn (seit 2004). Doch auch in der Chamber setzt man auf altbewährte Kräfte: Die hauptstädtische Bürgermeisterin Lydie Polfer (DP) wurde bereits 1979 erstmals ins Parlament gewählt, Mars Di Bartolomeo (LSAP), François Bausch (déi gréng) und Gast Gibéryen (ADR) sitzen immerhin seit 1989 in der Chamber. Dass die drei Genannten, wie viele ihrer Kollegen, als député-maire oder Schöffe auf zwei Hochzeiten tanzen bzw. getanzt haben, sei nur am Rande erwähnt. Das leicht abgewandelte Sprichwort „Auf einem Bein kann man nicht tanzen“ liegt nahe. Ob am Krautmarkt nun „thé dansant“ oder „Tanz auf dem Vulkan“ praktiziert wird – eine ausgeprägte Zentrifugalkraft hat die politische Szene hierzulande bisher jedenfalls nicht bewiesen. Der politische Seiltanz hat zur Sicherheit für Gestrauchelte immer Netz und doppelten Boden. Auch wer in die Regierung eintritt, tut dies in der Regel, um zu bleiben. Der freiwillige Rückzug – vor Schneider unternahm dies als Minister unter 50 Jahren 2013 der CSV-Politiker Jean-Louis Schiltz – bleibt eine Seltenheit.

Foto: EDITPRESS/Anne Lommel

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Philippe Reuter

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