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Edito: Fakt ab!

Der Begriff „postfaktisch“ ist in aller Munde und vor allem während des Brexit-Referendums in Großbritannien und des US-Präsidentschaftswahlkamps populär geworden. Dabei geht es um ein politisches Handeln, bei dem nicht mehr Fakten im Mittelpunkt stehen, sondern mehr Gefühle und Spekulationen. Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt einer Aussage zurück. Doch leben wir wirklich in einer Zeit, in der Tatsachen keine Rolle mehr spielen?

Die Regierung jedenfalls scheint sich auf das Gegenteil zu berufen. Sie gibt Studien und Untersuchungen in Auftrag, um ihr Handeln daran auszurichten und zu legitimieren. Das Land steht vor einem Strukturwandel – oder besser: Es steckt mittendrin. Dieser Wandel ist unausweichlich, denn die gesellschaftlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen sind mit den bisherigen, lieb gewonnenen Traditionen nicht mehr zu meistern: dass das Land als Steueroase für Privatpersonen und internationale Unternehmen funktioniert, oder dass es Milliarden Euro Steuern aus dem Treibstoffverkauf einnimmt und die ökologischen Schäden ins Ausland exportiert. Das Ende des Bankgeheimnisses im Zuge des automatischen Informationsaustauschs und das absehbare Ende des Tanktourismus zeigen, dass beide Traditionen Auslaufmodelle sind.

Fakten wurden in der Politik schon immer instrumentalisiert.

Die Regierung bekundet den Willen, den Strukturwandel offensiv und gestalterisch anzugehen. Deshalb hat sie den amerikanischen „Visionärwissenschaftler“ Jeremy Rifkin mit seiner Studie über eine mögliche „dritte industrielle Revolution made in Luxemburg“ beauftragt. Rifkin liefert eine Roadmap für das 21. Jahrhundert. Manches mag zu positiv und wachstumsorientiert sein. Aber ohne Strategie ist auf lange Sicht nicht in Richtung Zukunft zu navigieren. Wohin ein Blindflug führen kann, zeigt die Geschichte.

Rifkins Empfehlungen folgen konkrete Maßnahmen – vom nationalen Energieinternet und einem Fahrplan für nachhaltige Lebensmittelproduktion bis zur Technologieplattform für Industrie und Forschung. Auch der Tankstudie sollen Taten folgen: ein Monitoring des Treibstoffverbrauchs sowie Maßnahmen für die Reduzierung des Spritverbrauchs. Kann bei so viel gut gemeinter Faktenhuberei noch von einem „postfaktischen“ Zeitalter die Rede sein, das sich vor allem „postdemokratische“ Demagogen zunutze machen? Bleiben in einer wahrheitsunabhängigen Politik, in der Lügen und Verschwörungstheorien gestreut werden, die Errungenschaften der Aufklärung wirklich auf der Strecke? Vielmehr wurden in der Politik Fakten schon immer instrumentalisiert. Dass das Postfaktische bereits mit der Aufklärung begann, wusste schon Nietzsche: „Gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen.“

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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