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Edito: Falsche Hoffnung

Das Licht am Ende des Corona-Tunnels ist momentan noch nicht wirklich zu sehen. Selbst wenn seit Montag die ersten Schüler die Schulbank wieder drücken und damit zumindest ein kleiner Schritt zum handelsüblichen Schulbetrieb eingeläutet wurde. Der Weg hin zu einem normalen Alltag für uns alle – mit sozialen Kontakten, geöffneten Cafés und Restaurants oder kulturellen und sportlichen Veranstaltungen – ist noch in sehr weiter Ferne. Man braucht auch kein Visionär zu sein, um zu behaupten, dass selbst nach den Sommerferien (wie diese in diesem Jahr aussehen werden, bleibt abzuwarten) noch nicht alles im „Lot auf dem Coronaboot“ ist.

An diese Vorstellung müssen wir uns wahrscheinlich genauso gewöhnen, wie an die Tatsache, dass immer mehr Menschen sich ziemlich verträumt in Zukunftsphantasien verlieren. Das Credo dieser Visionen ist immer das Gleiche: Man muss der Covid-Krise etwas Positives abgewinnen, sie als eine einmalige Chance ansehen, die Welt entscheidend zu verändern. Egal ob in Sachen Nachhaltigkeit, in Sachen verantwortungsvoller Wirtschaft, in Sachen Tourismus oder in Sachen Konsum.

Wieso sollte die Krise den Menschen das Gewohnheitstier austreiben?

Aber irgendwie scheint es doch ziemlich naiv zu sein, zu glauben, dass nach dem Ende der Krise die, auf Rendite-getrimmten Wirtschaftsbosse, die global handelnden Big-Player und andere Profitgeier ihren Fokus vom schnöden Mammon und hohen Renditen abwenden, und sich tatsächlich Themen, wie soziale Gerechtigkeit, weltweite Solidarität (auch mit den ganz Armen) oder nachhaltige und umweltschonende Herstellungsweisen als höchstes Mantra auf die Fahnen schreiben. Vielleicht wird der eine oder andere versuchen, mit ein bisschen Greenwashing für die nötige Augenwischerei zu sorgen. Es ist allerdings zu befürchten, dass mit dem Ende der Krise die gesamte Weltwirtschaft schnell in die alten angestammten Muster verfällt. Sprich, die Produktion vieler Artikel wird weiterhin in Niedriglohnländern stattfinden und Umweltkriterien werden wieder zur Nebensache abgestempelt.

Das klingt vielleicht pessimistisch, aber wieso sollte die Krise den Menschen das Gewohnheitstier austreiben? Schon jetzt lechzen viele Menschen nach ihren angestammten Ritualen, wie Staus vor Fastfood-Drive-Ins, Recyclingzentren oder Schlangen vor Baumärkten auf beeindruckende Art und Weise untermauern. Wieso sollte jemand, der im Stau für einen Industrie-Burger steht, sich nach der Krise plötzlich Fragen stellen, wie: Wo kommt das Fleisch her und wie werden die Tiere hierfür gehalten? Und wird der internationale Burger-Big-Player sein Angebot tatsächlich nach der Krise an saisonalen und regionalen Kriterien ausrichten?

Es wäre ziemlich kindisch zu glauben, dass der jetzige Einschnitt ausreicht, um diese Verhaltensmuster zu durchbrechen. Und ohne Schwarzmalerei betreiben zu wollen – es wäre nämlich zu hoffen, dass verschiedene Sachen in unserem Verhaltensmuster sich tatsächlich ändern –, nach der Krise wird alles schneller beim Alten sein, als vielen lieb sein wird. Die guten Vorsätze sind rasch Schnee von gestern.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Martine Decker

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