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Edito: Flagge zeigen?

Die moderne Konsumgesellschaft fördert immer wieder Dinge zutage, die wirklich kein Mensch braucht. Alle zwei Jahre pünktlich zur EM oder WM tauchen zum Beispiel an unzähligen Vehikeln Autofähnchen und Rückspiegelüberzieher auf, mit denen der Fußballbegeisterte sich als Fan eines Teams outen kann. Neben der trivialen Tatsache, dass diese Dinger so unnötig sind wie die Chinakopie eines Gartenzwergs und so spießig wie das Unterschreiben einer Garantieverlängerung, sind sie vor allem die gelebte Geschmacksverwirrung schlechthin. Dieses Bekenntnis zu einem Land oder einem Team ist dabei eine vergleichsweise seichte Form des Nationalstolzes.

Ähnlich harmlos wie die, welche sich an Nationalfeiertag in Luxemburg präsentiert. Denn festlicher Staatsakt in der Philharmonie hin oder Fackelzug her, es geht den meisten, auch wenn sie die Wappenflagge mit dem „Roude Léiw“ schwenken, eigentlich nur um eins: Feiern. Die Parallele zur Fußballeuropameisterschaft ist dabei kaum zu übersehen, schließlich ist auch dort für viele die dritte Halbzeit mindestens genauso wichtig wie die Spiele selbst. Partypatriotismus als willkommene Abwechslung zum Alltag.

Natürlich stört es dann manch einen, wenn jemand kommt und den Finger in die Wunde legt und etwas kritisch hinterfragen will. Wie die „jonk Lénk“ zum Beispiel, die während der diesjährigen Militärparade ein Banner mit der Aufschrift „Lëtzebuerg brauch keng Arméi“ zeigten. Dabei muss es durchaus möglich sein, die pompöse Zurschaustellung von Waffenarsenal und Truppenstärke zu hinterfragen. Schließlich wirkt diese Parade reichlich antiquiert.

Angstmache als Argument hat funktioniert.

Kritische Denkanstöße an einem nationalen Feiertag zu verbreiten ist allerdings verpönt. Schließlich soll das feierliche Gesamtbild nicht gestört werden. Dies musste auch das Kollektiv „Richtung 22“ erfahren, dessen Mitglieder sich wegen einer Kunstaktion beim letzten Nationalfeiertag – wo sie einen abgeänderten Text der „Heemecht“ mit Sprühkreide vor der Philharmonie auftrugen – demnächst vor Gericht verantworten müssen.

Doch selbst wenn dies für manchen verräterisch klingen mag: Es gibt durchaus gute Gründe, den Begriff Nation (und damit automatisch auch den Nationalfeiertag) als solchen nicht mehr ganz so ernstzunehmen. Und in Zeiten von Globalisierung und Einwanderungswellen müsste eigentlich fast jeder einsehen, dass moderne Nationen sich nicht länger durch eine ethnische Homogenität auszeichnen, sondern dass ihre Stärke eben gerade im Multikulti und im ständigen Wandel liegt.

Dass dies schwer zu vermitteln ist, hat das Brexit-Referendum eindrucksvoll bewiesen. Das rechtspopulistisch zersetzte „Leave“-Lager hatte nämlich mit dem Hauptargument, die Immigration bei einem Austritt aus der EU eindämmen zu können, geworben. Angstmache als Argument hat funktioniert, und quer durch Europa wittern die Rechtspopulisten Morgenluft.

Damit könnte das Brexit-Ergebnis durchaus Signalwirkung haben. Die Europäische Union steht vor einer Zerreißprobe und wird diese nur überstehen, wenn Politiker der einzelnen Länder über den nationalen Tellerrand hinwegschauen. Eine einzelne Nation zählt dabei reichlich wenig…

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Martine Decker

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