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Edito: Fußball und Politik

Eine Frau hält ein mit blutroter Farbe verschmiertes Trikot der argentinischen Fußballnationalmannschaft hoch. Sie gehört zu den Demonstranten, die sich vergangene Woche vor dem Trainingslager der Argentinier in Barcelona eingefunden haben. Der Chef des palästinensischen Fußballverbandes hatte dazu aufgerufen, Trikots und Bilder von Lionel Messi & Co. zu verbrennen. Argentinien sagte daraufhin das Freundschaftsspiel ihres Nationalteams gegen Israel ab. Es hätte in Jerusalem stattfinden sollen.

Wieder einmal ist die politische Realität in die Fußballwelt eingedrungen. Dabei sind Sport und Politik seit jeher eng miteinander verbunden. Dem „Wunder von Bern“, dem Finalsieg der deutschen Elf gegen Ungarn bei der Weltmeisterschaft 1954, wurde ebenso eine politische Bedeutung beigemessen wie dem Sieg der DDR-Nationalmannschaft über die Bundesrepublik bei der WM 1974. Für Wirbel sorgte auch das Treffen von Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit Recep Tayyip Erdogan. Die beiden deutschen Nationalspieler ließen sich im Mai von dem türkischen Präsidenten in dessen Wahlkampf einspannen, als sie mit ihm für Fotos posierten.

Fußball ist politisch. Das weiß auch Russlands Staatschef Wladimir Putin, dessen Land dieses Mal die Fußball-WM veranstaltet. Und das wussten auch die Generäle der argentinischen Militärjunta, die sich 1976 an die Macht putschten und die Weltmeisterschaft 1978 in dem südamerikanischen Land für ihre Propagandazwecke nutzten. Unter dem Regime wurden zehntausende Menschen entführt, gefoltert und ermordet, die meisten in den ersten beiden Jahren der Diktatur, die bis 1983 dauerte. Einige Folterzentren lagen nicht weit von den WM-Stadien entfernt. Berti Vogts schwärmte damals von Argentinien als einem „Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“

Der argentinische Traum vom Weltmeistertitel im eigenen Land ging in Erfüllung. Heute gilt es als gesichert, dass beim 6:0-Sieg der „Albiceleste“ über Peru Geld geflossen war und Argentinien sich den Weg ins Finale erkauft hatte. Nach den Worten des Journalisten Ezequiel Fernández Moores war das Turnier „die offensichtlichste politische Manipulation im Sport seit den Olympischen Spielen 1936“ in Berlin. Während die peruanischen Spieler im eigenen Land geächtet und als Landesverräter bezeichnet wurden, feierten die Argentinier. Immerhin verweigerte ihr Trainer César Luis Menotti dem Diktator Videla bei der Siegerehrung den Handschlag. Stürmer Leopoldo Luque sagte Jahre später: „Mit meinem Wissen von heute kann ich nicht sagen, dass ich stolz auf unseren Sieg gewesen wäre. Im Nachhinein betrachtet hätten wir diese Weltmeisterschaft niemals austragen dürfen.“

Fußball ist politisch. Das weiß auch Russlands Staatschef Wladimir Putin.

Zuletzt wurde in Deutschland darüber diskutiert, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel die WM in Russland wegen ihrer Kritik an Putin boykottieren soll. Doch dass Putins Reich, in dem Journalisten und Oppositionelle im Gefängnis sitzen und Homosexuelle verfolgt werden, die Weltmeisterschaft austrägt, hat kaum jemand ernsthaft in Frage gestellt. Merkel antwortete auf die Frage, ob sie zu den Spielen der deutschen Mannschaft reisen werde, dies könne gut sein.
Hat sich nichts geändert seit der WM in Argentinien vor 40 Jahren? Zwar ist Putin nicht Videla, doch auch in Russland wurden bereits Oppositionelle umgebracht. Die Menschenrechtslage ist prekär. Außerdem zählt Russland im Syrien-Krieg zu den engsten Verbündeten des syrischen Machthabers Baschar al-Assad und engagiert sich militärisch an dessen Seite. Nicht zuletzt wird Moskau für den Giftgasanschlag auf den früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien verantwortlich gemacht.

„Man sollte Sport nicht mit Politik vermischen“, sagte der niederländische Spieler Johan Neeskens 1978. Heuchlerisch oder einfältig? Naivität darf nicht als Entschuldigung dienen. Wer zu den Großverdienern in dem Milliarden-Business zählt und Vorbild für Millionen von Nachwuchskickern ist, trägt große Verantwortung. In der Geschichte des Fußballs gab es bisher nur wenige Spieler, die politisch aktiv waren: Brasiliens Spielmacher Sócrates engagierte sich in den 80er Jahren gegen die Diktatur in seinem Land, zusammen mit einigen Mitstreitern setzte er bei den Corinthians São Paulo basisdemokratische Strukturen durch. In Frankreich kündigte vor ein paar Jahren Eric Cantona an, bei den Präsidentschaftswahlen zu kandidieren, auch wenn sich dies nur als PR-Gag erwies, um auf eine Obdachlosenstiftung aufmerksam zu machen.

Dass es ein Nationalspieler sogar zu Ministerehren brachte wie Jeannot Krecké in Luxemburg oder gar zum Präsidenten wie George Weah in Liberia, ist zwar selten, doch der Fußball kann viel bewegen: Er kann sogar einen Krieg auslösen wie 1969 zwischen Honduras und El Salvador. Als es beim Spiel der Nationalteams beider Länder zu Ausschreitungen mit Todesopfern gekommen war, entbrannte ein militärischer Konflikt zwischen den zwei Staaten – der Fußballkrieg.

Stefan Kunzmann

Journalist

Chefredakteur
Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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