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Edito: Gegen das Vergessen

Anita Lasker-Wallfisch wurde im Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert. Als dort bekannt wurde, dass sie Cello spielen konnte, ließ man sie im Häftlingsorchester spielen. Während ihre Eltern im KZ ermordet wurden, kamen sie und ihre Schwester mit dem Leben davon. Lasker-Wallfisch emigrierte nach England. Die Musik hatte ihr das Leben gerettet. Am 27. Januar, dem „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ und Tag der Befreiung des Vernichtungslagers von Auschwitz, sprach die 92-Jährige dieses Jahr im deutschen Bundestag. Es war eine bewegende Rede. Lasker-Wallfisch wollte nach dem Holocaust nie mehr deutschen Boden betreten. Sie entschied sich anders.

Viele Zeitzeugen des Holocaust waren lange nicht in der Lage, über den Massenmord zu sprechen. Heute erzählen sie bei Gedenkveranstaltungen und in Schulen, was war und nie wieder geschehen soll. Die Begegnung mit den Zeitzeugen bietet die Möglichkeit, Geschichte zu verstehen, sich mit den Opfern zu identifizieren. Die meisten Zeugen, die noch erzählen können, sind heute etwa 90 Jahre alt. Was geschieht, wenn kein Überlebender mehr erzählen kann? Wie kann dann das Wissen um Auschwitz weitergegeben werden?

Die Kultur der Erinnerung, die ihren Ausdruck in Gedenktagen und Mahnmalen findet, ist Teil der Identität einer Nation. In Luxemburg zum Beispiel wird anlässlich der „Journée de commémoration nationale“ an die Besatzungszeit sowie an die Zwangsrekrutierten und KZ-Häftlinge erinnert. Derweil demonstrieren in Argentinien jede Woche die „Madres“ und die „Abuelas de la Plaza de Mayo“, die Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo. Sie erinnern an ihre Kinder und Enkel, die während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 entführt, gefoltert und ermordet wurden. Einige der Machthaber und ihre Schergen wurden vor Gericht gestellt. Die Erinnerung an die Verbrechen der Diktatur ist in Argentinien Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses: Folterzentren wurden zu Gedenkstätten umgewandelt, am Río de la Plata wurde ein „Parque de la Memoria“ errichtet. In den meisten Ländern ist die Vergangenheitsbewältigung ein langer Prozess, ein „Erinnerungskampf“, wie der Historiker Norbert Frei sagt. In manchen hat sie noch nicht stattgefunden.

Die Kultur des Gedenkens steht vor neuen Herausforderungen. Historische Distanz und Wandel erfordern ein Umdenken in der Erinnerungskultur. Denn die Zahl der Überlebenden nimmt ab. Bald wird es keine Zeitzeugen der Shoah mehr geben, die über ihre Erlebnisse berichten. Sie hinterlassen ihre Zeugnisse in Büchern, Filmen und Tonaufnahmen. Die Dokumentation und wissenschaftliche Aufarbeitung der Vergangenheit spielen eine große Rolle, ebenso Gedenktage, Gedenkstätten und Mahnmale. Doch erstarrt das Gedenken im jährlichen Ritual? Ein einziger Tag im Jahr wird auf Dauer nicht viel bewirken. Eine solche Erinnerungskultur würde eher zum Gegenteil von dem führen, was sie eigentlich soll. Rituale reichen jedenfalls nicht aus.
Die zu Tausenden verlegten „Stolpersteine“ vor den Häusern, in denen Juden lebten, ist ein Versuch, die Erinnerung am Leben zu halten, der Hashtag #WeRemember ein anderer. In Deutschland wird über einen verpflichtenden KZ-Besuch für Schüler nachgedacht. Dies mag viele junge Leute bewegen, ein Allheilmittel ist es nicht. Es immunisiert nicht automatisch gegen den Antisemitismus. Im vergangenen Jahr diskutierten bei einer Tagung in Esch Experten aus mehreren Ländern darüber, wie in Zukunft Gedenkarbeit geleistet werden kann. Ein wichtiger Aspekt, der dabei beleuchtet wurde, war die Bildung. Erinnerungskultur und politische Bildung müssen wichtige Elemente des Lehrprogramms an Schulen sein. Umso mehr gilt dies in einer heterogenen, aus vielen Nationalitäten bestehenden Gesellschaft. Nur wird dies in der schulischen Realität nicht immer deutlich.

Bald wird es keine Zeugen der Shoah mehr geben. Was ist, wenn keiner mehr davon erzählen kann?

Nach wie vor gibt es Antisemitismus, noch immer werden jüdische Friedhöfe geschändet, Hakenkreuze an Wände geschmiert, „Jude“ als Schimpfwort auf Schulhöfen benutzt und jüdische Bürger auf offener Straßen angegriffen. Viele Synagogen brauchen Polizeischutz. Neue Formen des Antisemitismus kommen durch Immigranten aus der islamischen Welt hinzu. Das „Nie wieder“ ist bis heute nicht in allen Köpfen angekommen. Umso wichtiger ist es, dass die Erinnerung nicht aufhört – und damit auch nicht die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: alommel

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