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Edito: Globales Jahrhundert

Der amerikanische Präsident Donald Trump ist erst vier Monate im Amt und hat in dieser kurzen Zeit mit seiner Politik nicht nur die Gesellschaft der USA noch tiefer gespalten, sondern auch viel diplomatisches Porzellan zerschlagen. Durch seine Unberechenbarkeit hat er dem Ansehen seines Landes geschadet. Während Trump auf seiner ersten Auslandsreise Saudi-Arabien, Israel, Rom und Brüssel besucht sowie sich auf den G-7-Gipfel nach Sizilien begibt, findet in Luxemburg der vierte „Transatlantische Dialog“ statt. Hier geht es darum, durch „kulturelle Diplomatie“ menschliche Bindungen herzustellen.

Der transatlantische Dialog scheint zumindest auf politischer Ebene durch Irritationen gestört zu sein. Das gilt aber nicht erst, seit Trump im Weißen Haus herrscht, sondern spätestens seit dem Januar 2003, als der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld auf einer Pressekonferenz abwertend vom „alten Europa“ sprach und damit jene europäischen Länder meinte, die eine Teilnahme am Irakkrieg ablehnten. Selbst unter Barack Obama, der vor allem zu Beginn seiner Präsidentschaft von den Europäern verehrt wurde, war die Beziehung von Amerikanern und Europäern wechselhaft. Mit Trump, der im Wahlkampf mit dem Slogan „America first“ auftrat, die Nato für obsolet erklärte, den Brexit als „klug“ bezeichnete, das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) ablehnte und bekundete, die europäische Einigung sei ihm „egal“, drängen sich erst recht viele Fragen über die Zukunft der transatlantischen Partnerschaft auf.

Die kulturelle Hegemonie Amerikas bleibt, ebenso wie der transatlantische Dialog, bestehen.

Dabei ist seit mehr als sieben Jahrzehnten der europäische Frieden nicht zuletzt von den Amerikanern abhängig, er ist also auch ein amerikanischer Frieden. Das wichtigste geostrategische Interesse der USA bleibt auch weiterhin der Erhalt von Frieden, Freiheit und Wohlstand in Europa. Darauf weist der amerikanische Politikwissenschaftler Andrew B. Denison hin. Die USA ziehen sich nicht aus Europa zurück – und die Nato bleibt bestehen: Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup vom Februar ergab, dass rund 80 Prozent der Amerikaner für den Erhalt des Militärbündnisses sind. Zuversichtlich stimmt auch, dass Trump vor Kurzem betonte, ihm sei ein „starkes Europa“ wichtig und die Europäische Union hätte nach dem Brexit-Votum der Briten „sehr gute Arbeit“ geleistet, um die Mitgliedstaaten wieder zusammenzuführen. Der US-Präsident meinte, die EU würde nach dem Brexit „die Kurve kriegen“.

Ein Begriff, der im 20. Jahrhundert geprägt wurde, ist jener der „Amerikanisierung“. Er beschreibt einen Prozess, der nach dem Zweiten Weltkrieg eine größere Dynamik gewann. US-amerikanische Filme, Literatur und Musik, aber auch Kunst, Theater und der viel beschworene „American Way of Life“ haben besonders die Länder und Gesellschaften der westlichen Hemisphäre im Zuge des Kalten Krieges entscheidend geprägt. Die kulturelle Hegemonie der USA ist eng mit deren Aufstieg zur Supermacht verbunden. Doch die Vormachtstellung der USA als führender Schöpfer weltweit konsumierter Kulturgüter besteht schon länger als ihre politische Vorherrschaft: seit mehr als einem Jahrhundert. Wie der Politologe Lane Crothers von der Illinois State University bereits vor einigen Jahren in dem Meinungs- und Debatten-Magazin „The European“ hervorhob, „fußt die US-Kulturhegemonie nicht auf einer militärischen und ökonomischen Überlegenheit, sondern wurde durch sie nur zementiert“. Es sind viele Faktoren, die zusammentreffen. Dementsprechend muss ein politischer Bedeutungsverlust der USA nicht automatisch einhergehen mit dem Verlust der kulturellen Dominanz. Ähnliches galt übrigens für Europas Kolonialmächte nach der Entkolonialisierung.

Von Ford bis Hollywood – das 20. Jahrhundert kann als das amerikanische Jahrhundert bezeichnet werden. Und dieses Jahrhundert? Es ist kein Land in Sicht, das eine ähnliche kulturelle Dominanz haben wird. China ist noch weit davon entfernt, von anderen ganz zu schweigen. In Zeiten von Google und Facebook ist das 21. vielleicht nicht mehr das amerikanische Jahrhundert, wie Lane Crothers betont. Aber es wird ebenso wenig das postamerikanische sein. Der transatlantische Dialog ist dabei längst nicht mehr nur der zwischen den USA und Europa – wie die Veranstaltung hierzulande unter der Schirmherrschaft von Erbgroßherzogin Stéphanie in den kommenden Tagen zeigen wird: Menschen aus anderen Staaten weltweit diskutieren miteinander. Vielleicht ist dies bezeichnend für das „globale“ Jahrhundert.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Martine Decker

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