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Edito: Helter Skelter

Mit einem gewissen zeitlichen Abstand wird vieles verklärt und gerät durcheinander. So auch Woodstock. Der „Summer of Love“, in dem die Hippiebewegung ihrem Höhepunkt entgegendelirierte, war nicht 1969, sondern zwei Jahre zuvor. Auch fand die von Love and Peace beseelte jugendliche Protestbewegung nicht an der amerikanischen Ostküste ihr Epizentrum, sondern in Haight-Ashbury, einem Stadtteil von San Francisco. Außerdem ist Woodstock nur bedingt die „Mutter aller Festivals“. Dieser Titel gebührt ebenso den Vorgängerfestivals wie im kalifornischen Monterey oder auf der britischen Isle of Wight. Nicht zu vergessen: Die angebliche Bewegung wurde schon 1967 bei der Aktion „Death of a Hippie“ zu Grabe getragen. Sie hatte also ihren Zenit schon überschritten. Der Hippie-Traum von Flower Power und einer friedlichen Koexistenz der Menschen war definitiv ausgeträumt nach den grausamen Morden der Sekte um Charles Manson – wenige Tage vor Woodstock. Der Sektenführer klaute für seine Theorie eines apokalyptischen Rassenkrieges den Titel „Helter Skelter“ von einem Beatles-Song.

War also alles nur ein „Great Rock’n’Roll Swindle“? Und wenn schon? Nichtsdestotrotz gilt Woodstock bis heute als das berühmteste Musikfestival und ist ein Symbol, obwohl es nicht einmal in dem gleichnamigen Städtchen im US-Bundesstaat New York stattfand, sondern auf einem Feld nahe der etwa 70 Kilometer entfernten Stadt Bethel. Woodstock ist die Supermetapher für die 60er Jahre, die nach den Worten des Musikkritikers Greil Marcus die Nachkommen als „fortgesetzter Phantomschmerz“ plagen, wie „das Jucken eines Körperteils, der ihnen vor der Geburt amputiert wurde“. Woodstock ist der „Urschlamm“ der Protestkultur, obwohl viele ihrer musikalischen Heroen wie The Doors, Bob Dylan und Led Zeppelin gar nicht bei der „größten Party der Welt“ waren. Es steht für die Sehnsucht, dass „ein neueres, besseres Bewusstsein irgendwann zwangsläufig auch besseres gesellschaftspolitisches Sein etabliert“, wie in der deutschen Ausgabe des Magazins „Rolling Stone“ steht.

Gegen den Marsch in Richtung Vergangenheit hilft nur eines: Mut zur Gegenbewegung.

Die Protestbewegung des damals zu Ende gehenden Jahrzehnts, die sich gegen den Vietnamkrieg und gegen Rassismus entzündete sowie für sexuelle Freiheit und für die Gleichberechtigung der Geschlechter kämpfte, hat die Gesellschaften in vielen Ländern der Welt geprägt. Aus der Gegenkultur gegen den Nachkriegsmief entstanden die Friedens- und die Ökobewegung. Ihr antikapitalistischer Impetus zeigte zumindest für eine Generation von Politikern Wirkung, auch wenn einige der Hippies von einst zu den größten Kapitalisten von heute wurden. Irgendwann schien eine andere Welt möglich und aus militärischer Auf- wurde Abrüstung. Statt Pershing-Raketen wurden Windkraftanlagen gebaut, der Kalte Krieg schmolz mit dem Ende des Ost-West-Konflikts dahin. Ist das nun alles passé? Ist der Glaube an die Utopie vorüber? Wenn ja, seit wann? Seit 9/11 oder Bataclan? Seit Bush oder Trump? Aus dem Kampf gegen den Klimawandel ist ein Rennen gegen die Zeit und gegen die Unvernunft der Klimaskeptiker geworden. Der Rassenkonflikt in den USA ist erneut aufgeflammt, als hätte es Martin Luther King und Barack Obama nie gegeben. Oder war er nie erloschen? Der Geist des KKK lebt auf. Die internationalen Abrüstungsverträge sind nicht mehr das Papier wert, auf dem sie unterzeichnet wurden, ein neuer Rüstungswettlauf droht. Nationalisten und Rechtspopulisten wollen den Marsch in Richtung Vergangenheit, weit zurück hinter die Generation von Friede, Freude, Eierkuchen, deren Religion die Freiheit und deren Mekka ein paar Tage lang Woodstock war. Die Welt läuft Amok, wie kürzlich in El Paso. „Helter Skelter 2019“ – Manson lässt grüßen.

Das klingt nach einem Horrorszenarium. Da hilft nur eines: Mut zur Gegenbewegung, wie ihn „Youth for Climate“ zeigt. Greta Thunberg muss nicht gleich nach Hippieland, aber ihre Generation hat die Zeichen der Zeit erkannt – und sollte wissen, gegen wen es außer gegen die klimapolitische Unvernunft zu demonstrieren gilt: gegen Aufrüstung und Krieg, Nationalismus und Rassismus. Der Geist der Gegenkultur braucht eine Renaissance. Der Geist, für den auch Woodstock stand.

Foto: Mark Goff / Wikimedia

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Philippe Reuter

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