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Edito: Im Verborgenen

Dass Luxemburg ein reiches Land ist, gilt als Allgemeinplatz. Ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) – also der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr innerhalb der Landesgrenzen hergestellt werden und dem Endverbrauch dienen – von etwa 60 Milliarden US-Dollar kann sich sehen lassen. Auch ein BIP pro Kopf von mehr als hunderttausend Dollar, also umgerechnet etwa 93.000 Euro. Damit liegt das Großherzogtum in Europa an der Spitze. Und dass die hiesige Wirtschaft vergangenes Jahr mit die höchsten Wachstumsraten verzeichnete, nennt die Regierung besonders gern.

Der Bericht des Unicef-Forschungszentrums Innocenti hingegen vermittelt ein ganz anderes Bild. Für die vergangene Woche vorgestellte Studie „Building the Future“ haben Forscher in 41 Industrieländern die Lage der Kinder aus der Perspektive der nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen untersucht. Sie fanden heraus, dass jeder fünfte Minderjährige in relativer Armut lebt, also in einem Haushalt, dem weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung steht. In Luxemburg ist es sogar jeder vierte Minderjährige. Ohne die Sozialtransfers wäre die Situation noch schlechter. Zudem weist jedes achte Kind Defizite in der Nahrungsmittelversorgung auf. Ein erschreckendes Resultat.

Zwar sind solche Statistiken wegen ihrer unterschiedlichen Berechnungsgrundlagen mit Vorsicht zu lesen. Doch so oder so relativieren sie das Bild vom prosperierenden Musterland ebenso wie vom sozialen Wohlfahrtsstaat. Sie sind zudem alles andere als neu: Bereits im Vorjahr wartete das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen mit einem Bericht auf, demzufolge es in Luxemburg eine ausgeprägte soziale Ungleichheit gibt. Schon damals wurde auf die großen Einkommensunterschiede hingewiesen. Und auch jene Studie zeigte: Je niedriger das Einkommen der Eltern, desto schlechter steht es mit den Bildungschancen sowie mit der Gesundheit und mit der Lebenszufriedenheit der Kinder. Besonders bei den Bildungsunterschieden schnitt Luxemburg schlecht ab. „Die Zukunft gestalten“, wie der nun vorgestellte Unicef-Bericht heißt, ist für viele Menschen weitaus schwieriger als für die anderen. Ein echtes Armutszeugnis.

Der Bericht der Unicef über die Situation der Kinder ist ein Armutszeugnis für Luxemburg.

Eine weitere Hiobsbotschaft des diesjährigen Unicef-Berichts: Die von Erwachsenen auf Minderjährige ausgeübte Gewalt ist ausgerechnet im Land mit dem höchsten BIP pro Kopf besonders hoch. Nach der Studie gaben 13 Prozent der Frauen im Alter von 18 bis 29 Jahren an, dass sie vor ihrem 15. Lebensjahr schon mal Opfer von sexueller Gewalt gewesen seien. Mit dieser Quote liegt Luxemburg unter den 41 Ländern an der Spitze. Und fast ein Drittel der Frauen war mindestens einmal Opfer von körperlicher Gewalt, die von einem Erwachsenen ausging. Zwar kann man davon ausgehen, dass hierzulande offener über das Thema gesprochen wird als in anderen Ländern. Dennoch ist das Ergebnis der Studie alarmierend.

Fragt sich, welche Konsequenzen daraus gezogen werden. Im Vergleich zu den wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen läuten die Alarmglocken viel zu leise. Das Schicksal der Betroffenen wird nur selten publik, es spielt sich weitgehend im Verborgenen ab. Die Regierung, die gerne betont, dass die Kinder „im Zentrum der Familienpolitik“ stünden, hat in den vergangenen Jahren vor allem mit der Reform des Elternschaftsurlaubs und des Kindergeldes auf sich aufmerksam gemacht – und mit der Streichung der Mutterschafts- und der Erziehungszulage.

Familien sollen nach Vorstellungen der blau-rot-grünen Koalition vor allem fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden. Doch angesichts einer gestiegenen Zahl von Menschen, die als „working poor“ gelten, ist dies fragwürdig. Und um nochmals auf den Unicef-Bericht zurückzukommen: „Die Zukunft gestalten“ ist für einen größer werdenden Teil der Gesellschaft besonders schwer. Wenn nicht sogar unmöglich.

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Author: Martine Decker

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