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Edito: Ins Herz

Viele Musiker feiern zurzeit das Beethoven-Jahr per Livestreamn, während ihre Kollegen online singen und spielen oder über Balkone hinweg gemeinsam musizieren. Auch Theater streamen, stellen bewährte Inszenierungen ins Netz oder geben Videokostproben. Auf Websites lesen Schriftsteller aus ihren Büchern. Und Kunstinteressierte können berühmte Museen und Galerien im virtuellen Rundgang besuchen.

Zwar wissen sich Künstler in Zeiten von Corona zu helfen, schließlich gehören Kreativität und Erfindungsreichtum zu ihrem Kapital. Doch wie viele andere Menschen auch konnten sie ihren Berufen in den vergangenen Wochen nicht wie gewohnt nachgehen. „Ich laufe auf einer Art seelischem Notstromaggregat“, sagte der Schauspieler Ulrich Matthes, Präsident der deutschen Filmakademie, in einem Interview. „Als wenn die Seele, der Geist, der Körper nur das Nötigste tut, um diese Phase durchhalten zu können.“

Trotz der zahlreichen künstlerischen Initiativen im Netz, wird eines vor allem schmerzlich bewusst: Die Pandemie und der Shutdown haben die Kultur schwer getroffen. Ein Drama! „Toutes ces initiatives artistiques et populaires sur le net qui font souvent preuve d’un remarquable talent et d’un véritable esprit d’innovation, ne sauront néanmoins jamais se substituer à l’expérience culturelle vivante: la visite d’un musée, d’une salle de concert ou d’un théâtre“, schrieben mehrere leitende Kulturschaffende in einem offenen Brief an Kulturministerin Sam Tanson.

Denn klar ist, was fehlt: die Aura des Kunsterlebnisses. Sie wurde schon mehrfach totgesagt und ihr Ableben beklagt – von dem Philosophen Walter Benjamin in seinem berühmten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ bis zu manchen Kritikern der Digitalisierung in der Kunst. Nun sind Theater und Opernhäuser, Clubs und Konzerthäuser, Kinos und Museen geschlossen, viele Dreharbeiten für Filme wurden gestoppt und Angestellte von Buchhandlungen und Verlagen in die Kurzarbeit geschickt.

„Die Pandemie und der Shutdown haben die Kultur schwer getroffen. Ein Drama!“

Während bildende Künstler in ihren Ateliers kreativ sein können, sind Musiker und Schauspieler ganz besonders auf die körperliche Präsenz ihres Publikums angewiesen. Wenn sich im Zuschauersaal niemand befindet, keiner lacht oder Beifall spendet, und die Kunst als Spektakel nicht mehr in aller Öffentlichkeit stattfindet und sich feiern lassen kann, „mit Tschingderassabum“, wie Matthes es nennt, dann ist das schlimmer als ein Geisterspiel beim Fußball und ungefähr so wie eine Kirche ohne Glaubensgemeinschaft. Dass die Kultur in den öffentlichen Debatten über die Krise bisher kaum eine Rolle spielte, kritisiert die deutsche Journalistin Sonja Zekri. Sie betont, dass Film, Musik, Theater und bildende Kunst zum Menschsein gehören wie Nahrung und Körperpflege zur Grundversorgung des Menschen und bisweilen antivirale Effekte haben können. Sie sind ein integraler Bestandteil der Gesellschaft. In ihrem Leitartikel für die Süddeutsche Zeitung verlangte Zekri kürzlich, dass das Recht auf den Zugang zur Kultur in allen Verfassungen der Welt verankert sein müsse.

Selbst in Kriegen und Lagern sind Lieder gesungen, Bücher geschrieben und sogar kleine Theaterstücke aufgeführt worden. So wie in Momenten der Angst, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Verzweiflung vielen Menschen ein Ge-
bet hilft. Angesichts der Lockerung des Shutdown und der Wiedereröffnung von Geschäften in einigen Branchen wundert sich Zekri daher zu Recht, warum Kirchen gefährlicher sein sollen als ein Gartencenter. So könnte man sich genauso fragen, warum ein Kino mehr zur Verbreitung von Viren beiträgt als ein Baumarkt. Schließlich besteht doch die Möglichkeit, Zuschauerzahlen zu begrenzen, indem in Kinos Plätze freigelassen werden oder einfach weniger Tickets verkauft werden.

Das Verbot öffentlicher Kulturveranstaltungen ist also mehr als ein Kollateralschaden der Corona-Krise. Die Gesellschaft wurde gewissermaßen direkt ins Herz getroffen und die Kulturschaffenden – viele davon sind freiberuflich tätig – in ihrer beruflichen Existenz bedroht. Die Kultur ist ein Spiegel der Gesellschaft und leistet einen bedeutenden kritischen Reflex. „C’est la culture que portera un regard critique sur l’évolution de notre pays“, heißt es in dem offenen Brief. Die Kultur zu stärken würde nicht zuletzt bedeuten, die Angst zu besiegen.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Martine Decker

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