Home » Politik & Wirtschaft » Editorial » Edito: Ist weniger mehr?

Edito: Ist weniger mehr?

Der ehemalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte vergangenes Jahr in seinem Buch „La France pour la vie“ in Bezug auf seine Präsidentschaft vor allem ein Bedauern ausgedrückt, nämlich das, dass er die 35- Stunden-Arbeitswoche, die im Jahr 2000 unter der Regierung des sozialistischen Premierministers Lionel Jospin eingeführt wurde, nicht abgeschafft hat. Sarkozy, der in diesem Jahr noch einmal für die Republikaner in den Wahlkampf ziehen wollte, ist zwar kläglich im ersten Wahlgang zur Ermittlung des republikanischen Präsidentschaftskandidaten gescheitert, die Diskussion um die 35 Stunden ist allerdings eines der Themen, das den aktuellen Wahlkampf in Frankreich mitprägt.

Der aktuell stark umstrittene republikanische Kandidat François Fillon (war unter Sarkozy von 2007 bis 2012 Premierminister) spricht sich eindeutig – und das erstaunt keinen – für das Abschaffen der 35 Stunden ab. Mit dieser klaren Ansage steht er allerdings ziemlich alleine da. Emmanuel Macron vonder Bewegung „En marche“ setzt sich für ein flexibles Modell ein, bei dem die jüngeren Arbeitnehmer länger arbeiten und die Arbeitszeit mit zunehmendem Alter abnimmt. Die rechtspopulistische Marine Le Pen spricht sich in ihrem Programm für den Erhalt der 35 Stunden aus (allerdings mit einer gewissen Flexibilisierungsmöglichkeit). Die restlichen Kandidaten, vom Sozialisten Benoît Hammon über Jean-Luc Mélenchon vom „Parti de gauche“ bis hin zu Yannick Jadot von den Grünen, fordern, wenn auch mit unterschiedlichen Methoden und Überlegungen, sogar, die wöchentliche Arbeitszeit Richtung 32 Stunden zu senken.

Die Auswirkungen sind komplexer als links-rechts Schwarz-Weiß-Malerei.

Davon ist man hierzulande in etwa so weit entfernt wie die Erde vom Planeten Pluto. Allerdings hat Wirtschaftsminister Etienne Schneider beim Neujahrsempfang der LSAP laut darüber nachgedacht, ob man in Luxemburg nicht eine Arbeitszeitreduzierung anvisieren solle oder gar müsse? Luxemburg sei das produktivste Land in der OECD und dies dürfe, so Schneider, nicht allein den Arbeitgebern nützen, sondern müsse auch teilweise den Arbeitnehmern etwas bringen. Die Arbeitgeberverbände zeigten sich prompt „not amused“ über Schneiders Gedankenspiel (denn mehr war es letztendlich bis jetzt nicht).

Die Debatte über eine Arbeitszeitverkürzung und deren Auswirkung auf die Wirtschaft und die Produktivität ist allerdings dermaßen komplex, dass sich selbst in Frankreich nach 16 Jahren Erfahrung mit der verkürzten Stundenwoche Wirtschaftsexperten die Köpfe einschlagen, ob sie denn nun eher der Wirtschaft im Hexagon geschadet oder genutzt hat. Je nach politischem Lager wird in die eine oder andere Richtung argumentiert. Von rechts bis rechtsliberal unterstreicht man eher die negativen Konsequenzen (steigende Zahl der Überstunden, Schwierigkeiten für kleine Betriebe und gesunkene Konkurrenzfähigkeit), während die fortschrittlichen linken politischen Kräfte hervorheben, dass Hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen wurden.

Die Auswirkungen einer verkürzten Arbeitszeit sind allerdings viel komplexer als eine links-rechts Schwarz-Weiß-Malerei. Sollte in Luxemburg – und es bleibt abzuwarten, ob der eher wirtschaftsliberale Schneider seine sozialistische Ader wiederentdeckt hat oder ob es nur ein Vorwahlkampf-Strohfeuer war – tatsächlich eine Debatte ins Haus stehen, kann man allerdings schon jetzt sicher sein, dass es über das übliche Lager-Denken nicht hinausgehen wird. Wetten, dass…

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Martine Decker

Login

Lost your password?