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Edito: Kein Interesse

Der Europawahlkampf tobt. Zugegebenermaßen ist diese Wortwahl, semantisch gesehen, vielleicht eine leichte Übertreibung und ein Tick zu hochgegriffen, aber immerhin: Es ist schon so ein bisschen Wahlkampf. Auch in Luxemburg. Falls Sie nicht dringend einen Termin beim Ophthalmologen wahrnehmen müssen, wird Ihnen aufgefallen sein, dass kaum ein Laternenmast der obligaten Zwangsplakatierung entgangen ist und an vielen Masten sogar zwei Kandidaten einen (in der Regel ziemlich windschief) aus sicherer Höhe anglotzen.

Besonders eifrig – sprich besonders tief in die eigene Kriegskasse gegriffen – hat diesmal die adr, welche die Straßen förmlich mit gephotoshopten Anlitzen ihrer – intern als „crème de la crème“ (dixit adr-Generalsekretär Alex Penning) betitelten – Kandidaten geflutet hat. Die luxemburgischen Rechtspopulisten hoffen sehr stark auf einen der sechs Luxemburger Sitze im Europaparlament und scheuen deshalb bei dieser Wahl keine finanzielle Müh. Ob die Rechnung aufgeht, bleibt abzuwarten, schlagkräftige Argumente hat man zumindest laut Eigenverständnis – wie man der Postwurfsendung entnehmen kann – scheinbar wie Sand am Meer. So will man den Wähler zum Beispiel überzeugen, für die adr-Staatsrätin Nicky Stoffel zu stimmen, weil sie „zwee Muppen, sechs Hénger e Gaart huet an Tennis spillt“. Alles Qualitäten, die als zukünftige(r) Europapolitiker(in) natürlich unabdingbar sind… Den adr-Versuch Fred Keup als den Verfechter der Meinungsfreiheit zu inszenieren, grenzt dann schon fast an Hypokrisie. Der ehemalige Nee2015-Leader war nämlich einer der drei Leute, die gegen Rapper Turnup Tun vor Gericht gezogen waren, weil dieser eben in dem Lied „FCK LXB“ den grassierenden Rechtspopulismus (und -extremismus) und seinen Vertretern die Meinung gegeigt hatte. Nach dem Freispruch des Rappers kann man die Sache nun in der Rubrik „Eigentor für Keup und Co.“ klassieren.

Europawahlen lösen nicht wirklich die großen Emotionsschübe beim Wahlvolk hervor.

Am einfachsten ist es allerdings diese Begebenheiten mit einem Zitat des deutschen Kabarettisten Nico Semsrott zu kommentieren: „Wenn Politiker nur noch Satire machen, müssen wir Satiriker wohl Politik machen.“ Semsrott, der in Deutschland für die „Partei“ bei den Europawahlen kandidiert, zeigte sich beim Wahlkampfauftakt seiner Partei gewohnt zynisch, legt jedoch gekonnt den Finger in die Wunde, wenn er behauptet, dass „jede Klassensprecherwahl mehr Menschen elektrisiert als die Europawahl“. Denn – und das ist nun mal bittere Realität – Europawahlen lösen nicht wirklich die großen Emotionsschübe beim Wahlvolk aus. Rezente Umfragen in Frankreich zeigen zum Beispiel, dass die Wahlbeteiligung gerade mal irgendwo zwischen 40 und 45 Prozent liegen wird (2014 waren es 42,4 Prozent, der EU-Durchschnitt lag bei 43,09 Prozent).

Für eine Wahl, die von vielen politischen Beobachtern als wegweisend für die Zukunft der Europäischen Union eingestuft wird, eher bedenklich, vor allem wenn man weiß, dass die Parteien von rechts außen es viel eher schaffen, die eigene Wählerschaft zum Urnengang zu mobilisieren als jene aus der Mitte des politischen Spektrums. Ob und wie weit Europa nach rechts rücken wird, wird diese Wahl zeigen. Hauptsache den Hunden und Hühnern geht’s gut…

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Martine Decker

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