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Edito: Komplexe Wahrheit

Die Terroranschläge des 11. September waren ein Insider-Job des amerikanischen Geheimdienstes, die Erde ist eine Scheibe, die Mondlandung wurde von der NASA lediglich inszeniert oder Reptiloiden haben die Regierungen dieser Welt unterwandert… Verschwörungstheorien kursieren schon seit Längerem, doch im Zuge der Coronakrise boomen die skurillsten Theorien rund um das Virus. Das Coronavirus ist wahlweise fake und existiert gar nicht, eine Biowaffe aus einem Labor, ein Mittel von Bill Gates, um die Menschheit zwangszuimpfen oder wird durch 5G verbreitet… Jede Hirnrissigkeit, egal wie abstrus, findet ihre Abnehmer, die in den sozialen Netzwerken zu Multiplikatoren mutieren und auch noch stolz darauf sind, dass sie im Gegensatz zu den traditionellen Medien und Journalisten, den Stein des Weisen, sprich scheinbar die einzige (in der Regel alternative) Wahrheit gefunden haben. Das Prüfen der Quelle spielt dabei nie eine Rolle.

Ob Zeitungen und andere Medien alles richtig bei der Berichterstattung zu der Pandemie gemacht haben, darüber kann man sicherlich diskutieren. Darüber ob sie es besser gemacht haben, als die YouTube-Beiträge von Ken Jebsen, Xavier Naidoo auf der Messenger-App Telegram oder Attila Hildman auf Facebook, braucht man nicht zu debattieren, denn die drei prominentesten deutschen Schwurbeler verbreiten hanebüchene Behauptungen, deren Wahrheitsgehalt in etwa den Zukunftsvorhersagen der erstbesten Wahrsagerin auf einem Rummelplatz gleichkommt. Absurde Ideen sind nämlich keine alternative Wahrheit, sondern Gedankenmüll.

Absurde Ideen sind keine alternative Wahrheit, sondern Gedankenmüll.

Interessanter als sich mit den Äußerungen der durchdrehenden deutschen „Prominenz“ auseinanderzusetzen, ist die Frage, wieso in den aktuellen Pandemie-Zeiten so viele Menschen dem Lockruf von Verschwörungstheorien erliegen? Der Autor und Journalist Cory Doctorow, der sich regelmäßig mit Verschwörungstheorien beschäftigt, erklärte in einem Interview mit der „Zeit“: „Mit Covid-19 befinden wir uns in einer Art Vakuum. Wir wissen immer noch nicht viel über das Virus und die Krankheit, über die Herkunft, über mögliche Medikamente und Impfstoffe. Mit dieser Unwissenheit und Unsicherheit ist es einfacher, an bestimmte Erklärungen zu glauben – denn wieso sollte die eine Theorie, die jemand aufstellt, richtiger oder falscher sein als eine andere?“

Der Kanadier sieht das Hauptproblem darin, dass Menschen nicht wüssten wie Wissenschaft funktioniert. Bei der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung sei es normal, dass bestehende Hypothesen von anderen Wissenschaftlern widerlegt und widersprochen würden, nur so könne man weiterkommen (Stichwort: Peer-Review). Dass dies ein komplexes und langwieriges Unterfangen sein kann, dürfte vielen einleuchten, nur nicht denen, die sich an einfache Erklärungen von selbsternannten YouTube-Experten klammern wie ein Koala an den Eukalyptus.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Martine Decker

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