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Edito: Landfrust

Die Provinz stirbt. So war es in den vergangenen Jahren häufig zu hören. Denn in vielen Regionen Europas werden vor allem abgelegene Landstriche vernachlässigt. Landflucht ist ein europäisches Phänomen geworden. In vielen Gegenden Frankreichs und Deutschlands, ebenso wie in Italien und Spanien entstehen „Geisterdörfer“ – junge Menschen ziehen aus der Provinz fort. Die ländlichen Gebiete verkümmern. Am stärksten betroffen von dieser Entwicklung sind die Staaten Mittel- und Osteuropas.

Die Kluft zwischen den Ballungsräumen und Metropolen einerseits, wo sich Firmen ansiedeln, Forschung und Entwicklung konzentrieren und Arbeitsplätze geschaffen werden, und der Provinz andererseits, wo die Firmen abwandern und Jobs verloren gehen, nimmt zu. In der ersteren Welt boomt das Urban Gardening, in der anderen veröden die Dörfer. In der einen steigen die Immbolienpreise ins Unermessliche, in der anderen fallen sie in den Keller. Während die Städte wachsen und sich die Einkaufszentren in den Vorstädten zum Verwechseln ähneln, schließen in den Dörfern die Geschäfte, vor allem in den Ortskernen.

Die Entwicklung zeigt politische Konsequenzen: Die abgehängten Regionen driften nach rechts, ob ostdeutsche Bundesländer wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, die besonders von der Landflucht betroffen sind, oder ländliche Gebiete in Österreich. In England stimmte der verarmte Norden für den Brexit, in Frankreich ist der Rassemblement National dort am erfolgreichsten, wo die Angst vor Abstieg und Identitätsverlust am größten ist. In den Kleinstädten mit schlechten Zukunftsaussichten sitzt der Frust tief und wächst der Hass: auf Europa, die Eliten und das Fremde.

Kann diese Entwicklung ohne Weiteres auf Luxemburg übertragen werden? Im Großherzogtum ist die Zahl der Einwohner zwischen 1981 und 2018 um etwa 65 Prozent gestiegen. Die Bevölkerungszahl der Hauptstadt nahm um 32 Prozent zu, aber nicht etwa durch Abwanderung vom Land in die Stadt, sondern durch Einwanderung. Andere Kommunen wuchsen weitaus mehr, am stärksten übrigens die Gemeinde Beaufort um 207,4 Prozent. Die Immobilienpreise sind in den vergangenen Jahren in schwindelerregende Höhen gestiegen. Dies gilt vor allem für die Hauptstadt, aber auch für die Gemeinden in deren Speckgürtel und für einige im Süden. Dagegen legten die Preise in den Städten des Nordens wie Diekirch, Ettelbrück und Wiltz relativ wenig zu. Ein besonders Phänomen stellt der Preisanstieg in Mersch dar. Seit der Eröffnung der Nord-Autobahn gehört die Gemeinde zum Einzugsgebiet der Hauptstadt. Andererseits klagen Bürger in abgelegenen Gemeinden über die Schließung von Arztpraxen, Geschäften, Restaurants und Postfilialen sowie über eine schlechte Verkehrsanbinung durch den öffentlichen Transport.

Zum Vorteil gereicht Luxemburg seine geringe Größe. Wir haben es mit einer Urbanisierung der Gesellschaft zu tun, die selbst für den ländlichen Raum gilt. Und wir haben es mit einer agrarisch geprägten Gesellschaft zu tun, die den Eindruck enstehen lässt, dass man noch in Stadtnähe auf dem Land lebt. Diese Vorteile der geringen Entfernungen gilt es zu nutzen. Noch ist die Lebensqualität hoch. Die Nachteile, die Vernachlässigung der abgelegenen Gebiete, gilt es zu beheben. Denn „abgelegen“ darf nicht gleich „abgehängt“ sein.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Martine Decker

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