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Edito: Männer „oben ohne“

Schnipp, schnapp, Krawatte ab – am Schmutzigen Donnerstag, der Weiberfastnacht, ist es wieder soweit: Mit Scheren bewaffnete Frauen suchen Büros und Amtsstuben heim und schneiden den Männern kurzerhand die Krawatten ab. Eine Tradition, die nach wie vor gepflegt wird. Doch ergibt sie in Zeiten von Geschlechtervielfalt und #MeToo noch Sinn? Krawatten galten einst als ein Symbol der Männlichkeit, als Unterscheidungsmerkmal und bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts als fester Bestandteil der Herrengarderobe – im Berufsleben, bei feierlichen oder formellen Anlässen, aber auch in der Freizeit. Ein Mann sei so viel wert wie seine Krawatte, so Honoré de Balzac.

Mittlerweile arbeiten die meisten Männer „oben ohne“. Selbst in der Finanzbranche, einst Hort der Seriosität, tragen die Heerscharen der Manager und Angestellten seltener Krawatte. Vielleicht steht der Fall der Krawattenpflicht bei einigen Banken in Zusammenhang mit dem Verfall der Sitten, der in die Bankenkrise mündete. Der aktuelle Trend geht aber noch weiter zurück: Nach dem Zweiten Weltkrieg verbreiteten die Existenzialisten ihre Philosophie im Rollkragenpullover, 50 Jahre später kündigte Steve Jobs seine Apple-Neuerungen in diesem Outfit an, die New Economy kleidete sich rund 50 Jahre später betont zwanglos, die Start-Ups von heute haben keinen Langbinder nötig. Auch in der Politik ist diese Entwicklung zu verfolgen. Offen, volksnah gab sich die griechische Regierung von Alexis Tsipras und fand ihre Nachahmer. Nicht in Luxemburg: In der aktuellen Regierung tragen sogar frühere Ökopaxe Schlips, während Premier Bettel seine Krawatte häufig unter einem seiner Schals versteckt.

„No tie“ hat die Gesellschaft nicht verändert, aber vielleicht gelingt es #MeToo.

Die Freiheit um den Hals bedeutet noch lange nicht das freie Miteinander, der Ausgang aus der modisch codierten Disziplinargesellschaft nicht das Ende der sozialen Ungleichheit. Die „No tie“-Politik veränderte keineswegs die Gesellschaft. Die männliche Hegemonie ist in vielen Bereichen geblieben, in der Politik ebenso wie in der Wirtschaft oder Unterhaltungsbranche. Dass sie noch heute zu sexuellen Übergriffen ausufert, zeigt der Hashtag #MeToo. Bleibt zu hoffen, dass sich strukturell etwas ändert und die öffentliche Solidarität mit den Betroffenen kein vorübergehendes Phänomen ist. Die „No tie“-Politik hingegen, so prophezeien Stilberater und Modeexperten, ist vergänglich. Die Halstücher „à la croate“, wie die Franzosen einst sagten, bleiben. Der Schlips wird weiter seine Berechtigung haben, meint Bernhard Roetzel, Autor des Buchs „Der Gentleman“. Die Krawatte sei das einzige Kleidungsstück, mit dem die Männer ihrem Schmuckbedürfnis nachkommen können. Und das die Frauen am Schmutzigen Donnerstag weiterhin abschneiden dürfen.

Stefan Kunzmann

Journalist

Ressorts: Politik, Investigativ, Aktuelles

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Author: Martine Decker

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