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Edito: Mentalitätswechsel

„Ich weiß nicht, wieso ich Euch so hasse – Fahrradfahrer dieser Stadt“, krächzte Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow schon 1995 im Lied „Freiburg“. Eine Textzeile, die über 20 Jahre später in Luxemburg bei einem Großteil der Auto-Aficionados seine volle Gültigkeit hat. Denn der Glaube an den eigenen fahrbaren Untersatz als alleinigem „Messias“ in Sachen Transport und dessen privilegierten Status scheint im Autoland Luxemburg nach wie vor ungebrochen.

Zumindest lassen die empörenden Kommentare, die im Netz nach der Bekanntgabe der Code de la Route-Änderungen abgesondert wurden, genau dies erahnen. Ab dem 1. Mai sollen mit neun Änderungen vor allem Radfahrer auf den Straßen des Großherzogtums besser geschützt werden. Die wichtigsten Neuerungen sind die Verpflichtung für Autofahrer, beim Überholen einen Mindestabstand von 1,50 Meter einzuhalten und die Möglichkeit, innerorts zu zweit nebeneinander zu fahren. „Endlich!“ wird wohl ein großer Teil der Radfahrer denken, auch, wenn es – vor allem wenn Fehlverhalten von Autofahrern in Bezug auf die neuen Regeln nicht geahndet werden – nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein wird.

Die Idee ist gut, doch Luxemburg noch nicht bereit.

Natürlich sind nicht alle Radfahrer verkehrstechnische Unschuldsengel. Im Normalfall halten sich viele Drahteselfans ähnlich pedantisch an die Verkehrsvorschriften wie die CFL an ihren Fahrplan – sprich: Sie nehmen sich auch schon mal einen gewissen Freiraum heraus. Vor allem im urbanen Umfeld nervt es den im Stau stehenden dauergestressten Autofahrer natürlich gewaltig, dass jemand mit viel weniger PS und einem viel billigeren Untersatz einfach schneller ist. Die Kommunikation verkommt dann schnell zu einem ziemlich rudimentären Austausch von Nettigkeiten: Gehupe auf der einen, gestreckter Mittelfinger auf der anderen Seite.

Dabei gibt es Länder und Städte, wo ein Großteil der Bevölkerung längst erkannt hat, dass das Fahrrad ein ziemlich effektives Fortbewegungsmittel ist und wo Autofahrer im Fahrradfahrer nicht die fahrende Verkörperung des Bösen sehen, sondern einen gleichberechtigten Verkehrsteilnehmer, den man mit dem nötigen Respekt begegnen sollte.

Dazu wäre ein Mentalitätswechsel bei einem Teil der Autofahrer nötig, und die Politik muss willens sein, konsequent weiterhin das Fahrrad zu fördern. Vor allem mit dem Ausbau und der Verbesserung der Infrastrukturen. Denn bis jetzt verhält es sich mit dem Fahrradland Luxemburg so – um erneut die Indie-Popper Tocotronic zu paraphrasieren: Die Idee ist gut, doch Luxemburg noch nicht bereit.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Stellvertretender Chefredakteur
Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Martine Decker

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