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Edito: Mutig sein

Die Toten in Paris waren kaum gezählt, die Schwerverletzten kaum versorgt und das Blut auf den Bürgersteigen noch nicht weggekärchert, da brach über die sozialen Medien das herein, was zu befürchten war: europäische Rechtspopulisten und -extreme feuerten, meist gestützt auf abstruse Theorien, ihre rechtsdemagogische Breitseite gegen den Islam, samt Schuldzuweisung an die aktuelle Flüchtlingskrise, ab.

Bei allem Verständnis für Wut und Trauer, welche angesichts der Heftigkeit der Anschläge und der Wahllosigkeit bei den Opfern nachvollziehbar sind: Wer die Flüchtlingskrise als Erklärungsmuster für die Attentatsserie in der französischen Hauptstadt heranzieht, der liegt falsch. Zudem missbraucht er die Hilflosigkeit, Ahnungslosigkeit und das Unsicherheitsgefühl von vielen, um gezielt Ressentiments gegen das Fremde, und zurzeit insbesondere Flüchtlinge, zu schüren.

Und selbst wenn die Identität aller Attentäter geklärt ist und sich herausstellen sollte, dass der eine oder andere den Weg aus Syrien über die Balkanroute nach Frankreich gefunden hat, ist es falsch, die Tausenden von Flüchtlingen, die aus ihrer Heimat vor genau dem flüchten, was in Paris passiert ist, in den gleichen Topf zu schmeißen wie eine Gruppe von religiösem Fanatismus geblendeter Extremisten.

Die Argumente von Rechtspopulisten werden auch durch den Terror nicht stichhaltiger.

Der größte Fehler wäre es genau deshalb, der Rhetorik der Hetzautoren und Rechtsdemagogen auf den Leim zu gehen. Deren Argumentationskette wird nämlich auch durch den Terror in Paris nicht stichhaltiger. Vorurteile werden bei Parteien wie dem Front national oder der AfD Vorurteile bleiben, die sie jetzt lediglich wieder verstärkt mit der Floskel „Unter den Flüchtlingen sind Terroristen“ ergänzen werden.

Dass solch vereinfachte Denkweisen auch in Luxemburg auf fruchtbaren Boden fallen, zeigten die sozialen Netzwerke am Wochenende wieder mehr als deutlich. Aber wären Terrorismusbekämpfung und Weltpolitik so einfach, wie sich manche dies vorstellen, dann hätte es spätestens nach dem 11. September 2001 keine Anschläge mehr gegeben. Dem ist aber nicht so…

Extremisten – und das haben die Anschläge von Paris in aller Deutlichkeit gezeigt – sind auch nicht durch verstärkte Sicherheitsmaßnahmen und Geheimdienstobservationen zu bremsen. Und selbst geschlossene Grenzen sind keine Garantie, dass sich Gräueltaten, wie sie in Paris geschehen sind, nicht zu jedem Moment irgendwo anders wiederholen können. Sollte Europa deshalb in Angst und Schrecken verfallen? Flüchtlingen die Aufnahme verweigern?

Dies wären sicherlich die falschen Signale und eine Verkennung des Problems. Mit ihren Attentaten wollen die Fanatiker nämlich genau dies erreichen. Sie wollen mehr Angst, mehr Unsicherheit, mehr Hilflosigkeit verbreiten und vor allem unsere Gesellschaft mit all dem, was unsere westliche Kultur ausmacht, von Offenheit bis Vernunft, in ihren Fundamenten erschüttern. Umso wichtiger ist es – genau wie nach den Attentaten gegen „Charlie Hebdo“ – jetzt nicht vor Angst zu erstarren. Weiter mutig sein und dem Unfassbaren die Stirn bieten, muss die Devise lauten. Mehr denn je.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Martine Decker

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