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Edito: Nie wieder!

Vor gut 80 Jahren hat der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen begonnen, in gut einem Monat, am 16. Dezember, jährt sich die Ardennenoffensive zum 75. Mal, die Offensive der Deutschen gegen die Westalliierten, als drei Armeen der Wehrmacht in Teilen Belgiens und Luxemburgs die zwölfte Armeegruppe der US-Streitkräfte angriffen. Mehr als eine Million Soldaten nahmen an der „Battle of the Bulge“ teil, wie die sechs Wochen dauernde, wohl größte Landschlacht, an der die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg beteiligt waren, genannt wird. Insgesamt mehr als 36.000 Soldaten verloren ihr Leben. Nicht zu vergessen die getöteten Zivilisten.

„Nie wieder“, sagte der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich der Gedenkfeier zum Kriegsbeginn am 1. September in Polen und bekannte sich zur deutschen Kriegsschuld und bat die polnischen Gastgeber um Vergebung für den deutschen Terror. „Nie wieder“, lautet seine Mahnung auch bezüglich von Nationalismus. „Nie wieder“, was Antisemitismus und Rassismus angeht. „Nunca más“, hieß auch nach dem Ende der argentinischen Militärdiktatur 1983 ein Bericht über den schmutzigen Krieg sowie über das Verschwindenlassen und die Ermordung von Oppositionellen. „Never, never and never again“, sagte Nelson Mandela vor 25 Jahren nach dem Ende der Apartheid in Südafrika. „Nie wieder Krieg“, mahnt bis heute eine Initiative der Friedensbewegung.

Die Mahnung ist heute umso aktueller und dringlicher.

Juristische Aufarbeitung hilft gegen die Straflosigkeit bei Menschenrechtsverbrechen. Gegen das Vergessen helfen unter anderem Gedenktage, aber vor allem die Berichte von Zeitzeugen, wie jener der französischen Holocaust-Überlebenden Ginette Kolinka, die kürzlich in Luxemburg zu Schülern sprach. Für die Versöhnung stehen Menschen, die einst Feinde waren und sich heute die Hand reichen, wie es im Dezember anlässlich der Gedenkfeier zur „Battle of the Bulge“ geschehen soll. Der Versöhnung dienen auch Wahrheitskommissionen, wie sie 1990 in Chile, 1996 in Südafrika und 2011 in Brasilien, aber auch in anderen Ländern eingesetzt wurden. Alles zusammengenommen ist es ein langer und zäher, oft frustrierender Prozess der Aufklärungsarbeit.

Die Mahnung ist heute umso aktueller und dringlicher angesichts eines Wiedererstarkens nationalistischer Tendenzen, antisemitischer Anfeindungen und eines nach wie vor grassierenden Rassismus. Wie kürzlich in der revue beschrieben, wird der Sport häufig für nationalistische Zwecke missbraucht. Dies sei auf die politische Entwicklung zurückzuführen, sagte Sportminister Dan Kersch im Interview und verweist auch auf das „Never again“. In Anbetracht dessen, dass im Weißen Haus von Washington ein narzisstisch-unberechenbarer Präsident sitzt, der rassistische Gewalt schürt, im Alvorada-Palast von Brasilia ein Rechtsextremist Folteropfer verhöhnt und weltweit zahlreiche andere Hassstrategen und chauvinistische Populisten ihr Unwesen treiben, in Fußballstadien Hooligans dunkelhäutige Spieler beleidigen, während grenzdebile Pantoffelfaschisten zu Hause über die (a)sozialen Netzwerke ihre Fantasien per Klick in die Welt schicken, erscheint einem die internationale politische Lage ebenso bedrohlich wie der Zustand vieler Gesellschaften in der angeblich so aufgeklärten Welt.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, hat der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin geschrieben, lange bevor deutsche Sturmtruppen die Welt in Angst und Schrecken versetzten. Auch heute gibt es Hoffnung, wenn sich ehemalige Feinde die Hand reichen. Hoffnung war das Wort des Tages, als das südafrikanische Team kürzlich das Finale der Rugby-WM gewann, der als Spieler des Tages ausgezeichnete Duane Vermeulen das Wort aussprach, und Mannschaftskapitän Siya Kolisi sagte: „Wir haben eine Mannschaft, in der Spieler unterschiedlicher Rassen und mit unterschiedlichem Hintergrund zusammengekommen sind.“ Das gibt Hoffnung – und die stirbt bekanntlich zuletzt.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Martine Decker

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