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Edito: Okkupation der Wörter

Eine Hymne hat Jubiläum. Es war am 27. Juli 1993, als ein Gesetz das bereits bestehende Gesetz über die „emblèmes nationaux“ ergänzte und festschrieb: Die erste und letzte Strophe von „Ons Heemecht“ bilden die Nationalhymne Luxemburgs. Dabei sind der Text von Michel Lentz und die Melodie von Johann-Anton Zinnen schon über 150 Jahre alt.

Ein Vierteljahrhundert nach der offiziellen gesetzlichen Verankerung hierzulande erlebt der Begriff der Heimat auch jenseits der luxemburgischen Landesgrenzen eine Renaissance. Als Sehnsuchtsort wird er mehr und mehr strapaziert und ist bereits zum nervtötenden Schlagwort in Zeitungen, Büchern und Talkshows geworden. Längst wird er nicht mehr nur mit provinziellem Leben oder mit gefühlsschwülstiger Ewiggestrigkeit gleichgesetzt oder, wie der Schriftsteller Martin Walser einst spottete, als „der schönste Name für Zurückgebliebenheit“ gebraucht.

Vielmehr ist die weit verbreitete Rückbesinnung auf die Heimat eine Reaktion auf die komplexe Globalisierung ebenso wie auf die komplizierte Welt der Digitalisierung. Zurück zu den Wurzeln. Ob urban oder ländlich, national oder regional – parallel zur Wiederkehr nationalistischer Tendenzen in der Politik bietet die Heimat dem globalisierungsgeplagten Menschen Orientierung und Schutz. Das Bedürfnis nach Heimat entspringt der Sehnsucht nach etwas Vertrautem. Die Heimat stiftet Identität. Dabei hat sie viele Dimensionen. Im Gepäck trägt sie die Muttersprache ebenso wie die Vaterlandsliebe, den Patriotismus. Wenn sogar die deutschen Grünen, die sich seit ihrer Gründung häufig als Sprachpolizei erwiesen, über den Begriff streiten, wird einem bewusst: Vom Umweltschutz zum Heimatschutz ist es nicht weit. Doch Heimat hat nichts mit Blut und Boden zu tun. Sie muss kein ausgrenzender Begriff sein. Und sie darf nicht rechten Parteien überlassen werden. Das hat der deutsche Grünen-Chef Robert Habeck verstanden, indem er eine Lanze für einen linken Patriotismus brach.

Wörter wie Heimat und Freiheit wurden allzu oft politisch missbraucht.

Doch leider ist es schon viel zu häufig vorgekommen, dass Wörter von Politikern missbraucht und als Geiseln genommen wurden, wie die Journalistin Susanne Beyer in einer März-Ausgabe des „Spiegel“ feststellte. Heimat, Identität, Leitkultur – vor allem Menschen aus dem konservativen, rechtspopulistischen und rechtsextremen Milieu hätten diese Begriffe für sich reklamiert. Beyer bezeichnet es als eine Art von Geiselnahme: „Wer hilft den Wörtern, wenn sie zu Geiseln werden?“ So wie „Volk“ und „Nation“ im Dritten Reich überbeansprucht wurden, brachten einst Linke den Begriff der Identität ein, bezogen auf die Selbstfindung des Individuums und auf kleine gesellschaftliche Gruppen, bevor er in jüngster Zeit von der Identitären Bewegung okkupiert wurde. Eine Gruppenidentität an sich ist unproblematisch. Sie kann sich durch Sprache herausbilden oder über gemeinsame Erfahrung, Erinnerung oder Sozialisation. Wenn sie aber als politischer Kampfbegriff instrumentalisiert wird, dann geschieht es so wie bei dem wunderbaren Beispiel mit dem Vanillepudding, das Beyer in ihrem Essay nennt: „Wer mit dem Vanillepudding die warme und wohlriechende Welt großmütterlicher Geborgenheit verbindet, wird die Neigung verspüren, immer dann Vanillepudding zum Nachtisch zu wählen, wenn er sich gut fühlen will – bis zu dem Moment, in dem er an einen verdorbenen Vanillepudding gerät.“

Auch ein anderes Wort ist in der Politik allzu sehr überstrapaziert und falsch gebraucht worden: Freiheit. Rechtspopulistische Parteien wie die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) oder die niederländische Partij voor de Vrijheid tragen den Begriff in ihrem Namen, die Partei des russischen Rechtsextremisten Wladimir Schirinowski nennt sich sogar Liberaldemokratische Partei Russlands – was für ein Schindluder, das hier mit Wörtern betrieben wird. Zu oft auch mit dem der Heimat. Sicherlich bedeutet es nicht nur Gutes, nicht nur Geborgenheit. Es hat seine Abgründe, Schattenseiten, Widersprüche.

Aber nicht zuletzt positive Seiten. Warum nicht Freiheit und Heimat zusammendenken, wie in „Ons Heemecht“? Der Text der Hymne bezieht sich nicht nur auf die schönen luxemburgischen Landschaften, sondern auf die Freiheit: „Du hues ons all als Kanner schon de fräie Geescht jo ginn, looss viru blénken d´Fräiheetssonn.“ Freiheit und Heimat. Diese Begriffe dürfen nicht politisch missbraucht, sondern müssen politisch verwirklicht werden.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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