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Edito: Pflasterstrand

„Unter dem Pflaster liegt der Strand.“ So lautete einst ein Spruch in der linken Szene der 70er Jahre, in Anlehnung an die Worte „Sous les pavés, la plage“ aus der Zeit der Pariser Studentenrevolte im Mai 68. Ebenso hieß eine anarchistische Kulturzeitschrift, ähnlich auch das frühere Frankfurter Stadtmagazin „Pflasterstrand“. Damit verbunden ist die Orientierung an einer politischen und gesellschaftlichen Utopie, die es anzustreben gilt. Vor allem die Linke ist von der Ausrichtung ihrer politischen Praxis zur Verwirklichung einer sozialistischen, kommunistischen oder anarchistischen Utopie geprägt. Heilsversprechen ohne Religion. Das galt einst auch für manche Politiker in Luxemburg, die heute in der LSAP, der KPL, bei „Déi Lénk“ oder „Déi Gréng“ zu Hause sind. Zumindest bei Ersteren und Letzteren ist dieser „Glaube“ an eine Utopie längst einer vor allem pragmatischen Ausrichtung ihrer Politik gewichen.

Das Zeitalter der politischen Utopien, wie sie bereits Thomas Morus im 16. Jahrhundert in seinem Buch „Utopia“ über eine ideale Gesellschaft beschrieb, scheint vorüber zu sein. Seit der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama 1989 zur Zeit des Endes der kommunistischen Regime in Mittel- und Osteuropa den Aufsatz „Das Ende der Geschichte“ publizierte und darin den endgültigen Sieg des Liberalismus als einer Mischung aus Demokratie und Kapitalismus verkündete, schienen sie obsolet geworden zu sein. Doch waren mit einem „Ende der Geschichte“ auch die politischen Alternativen beendet? Leben wir in einem Zeitalter der „Alternativlosigkeit“? Schließlich taugt weder der islamische Fundamentalismus noch der Rückfall in nationalistische Abendland-Fantasien dazu, die globalen Probleme zu lösen. Das ehemals politisierte Individuum ist zum häuslichen Pantoffeltier und Mülltrennungsfetischisten mutiert und beschränkt sich auf die Auswahl von mit Ryanair anzufliegenden Urlaubsparadiesen. Manch einer bevorzugt ein Steuerparadies, um seine finanziellen Schäfchen ins Trockene zu bringen, was in Zeiten von „Panama Papers“ und „Paradise Papers“ dazu geführt hat, dass sogar das Schlaraffenland negativ „rüberkommt“. Heute haben Utopien höchstens noch gute Chancen, mit einem Hautausschlag verwechselt zu werden. Der Pragmatismus äußert sich in Form von Nachhaltigkeitsdebatten gegen ökologische Untergangsszenarien und als Globalisierungskritik der empörten Wohlstandsverdrossenen gegen den weltweiten Siegeszug des Kapitalismus. Wenig sexy, das Ganze!

Das Zeitalter der Utopien scheint vorüber zu sein. Paradiese sind heute vor allem Steuerparadiese.

Immerhin spielen Utopien im Kino noch eine Rolle. Dort dominieren vor allem Dystopien: pessimistische Szenarien einer negativen, bedrohlichen Zukunft. Die Angst vor Außerirdischen – früher nur schlecht verpackte Propaganda gegen den politischen, meist kommunistischen Feind –, die Furcht vor der Allmacht der Computersysteme und der Rätselhaftigkeit der künstlichen Intelligenz: Das Kino dient nach den technikbegeisterten Anfängen von Jules Verne in der Literatur des 19. Jahrhunderts als das Reservat der Anti-Utopie schlechthin. Doch auch in der Non-Fiction dominiert die Dystopie – von der Ökokatastrophe über den atomaren Super-GAU bis hin zu weltbeherrschenden Konzernen wie Facebook, Google und Amazon. Dass die Zukunft schon Gegenwart geworden ist und in manchen Fällen sogar Vergangenheit, ob „1984“ oder „2001“, macht uns zu illusionslosen Wesen.

„L‘Utopie ou la mort“ hat einst René Dumont, Vater der französischen Grünen, eines seiner Werke genannt. „Die Utopie der endgültigen Erlösung aus den Widersprüchen der modernen Gesellschaft ist nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts ein Kinderglaube“, schreibt der Freiburger Historiker Ulrich Herbert. Gemein ist politischen Utopien zumeist, dass sie die sozio-ökonomischen Verhältnisse und Institutionen ihrer Zeit kritisieren und aus der Kritik an der Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Unterdrückung heraus eine Alternative entwerfen. Doch kann es einen Fortschritt ohne Utopie geben? Muss man nicht das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen? Oder realistisch genug sein, um das Unmögliche zu versuchen? Da wären wir wieder bei Sprüchen von Hesse bis Guevara. Oder besser bei Steve Jobs: „Stay hungry, stay foolish.“ Wo Jobs zitiert wird, ist hierzulande Étienne Schneider nicht weit, der „Major Tom“ der Luxemburger Weltraum-ambitionen. Auch Jeremy Rifkin ist direkt um die Ecke. Ob Space Mining oder die digitale Revolution – Luxemburgs Gegenwart ist die Zukunft. Und die Visionen, um die es geht, sind weniger utopisch als jemals zuvor.

Stefan Kunzmann

Journalist

Chefredakteur
Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Martine Decker

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