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Edito: Prinzip Verantwortung

„Was sollen wir tun, wenn wir das Leben technisch beherrschen wollen?“ Das sagte der Soziologe und Ökonom Max Weber ziemlich genau vor hundert Jahren bei einem Vortrag in einer Münchner Buchhandlung. Der darauf basierende Aufsatz wurde unter dem Titel „Wissenschaft als Beruf“ bekannt. Wie „Die dritte industrielle Revolution“ und Luxemburgs Weg in die Digitalisierung aussehen soll, geht aus dem Strategiepapier des Soziologen und Ökonomen Jeremy Rifkin hervor.

Der „größte Umbruch seit Beginn des Kapitalismus“ baut für den US-Amerikaner auf den Grundpfeilern Arbeit, Energie und Internet auf. In der Regel verharren die Ideen eines Theoretikers in universitären Elfenbeintürmen oder enden als Strohfeuer zwischen Buchdeckeln in den Bestsellerregalen. Dass sie aber im Großherzogtum heiß diskutiert werden, hängt von einer Spezies von Politikern ab, die ihren Beruf nicht rein gesinnungsethisch, in diesem Fall parteipolitisch, ausübt. In seinem zweiten berühmten Vortrag widmete sich Weber der „Politik als Beruf“ und nannte dabei die drei wichtigsten Qualitäten eines Politikers: „sachliche“ Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und ein distanziertes Augenmaß.

Politiker mit visionären Fähigkeiten sind eine Seltenheit. Umso mehr sind Politiker gefragt, die eben außer ihrem Verantwortungsgefühl jene Leidenschaft und das Augenmaß mitbringen, von denen Weber sprach. Und wieso Visionen? Diese hat die Luxemburger Regierung ihrem Berater Rifkin überlassen. Vergangene Woche, als im Grand Théâtre mehrere Minister zusammen mit Schülern sowie Vertretern der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft eine Zwischenbilanz zogen, war der Visionär nicht mehr dabei. Doch der richtige Weg ist eingeschlagen: Es wird mit der Jugend und gesamtgesellschaftlich diskutiert. Themen wie Energieeffizienz und Sharing Economy sind ins Zentrum gerückt.

Rifkins Visionen dürfen sich nicht als Trugbild, als „Seifenblase“ entpuppen.

Rifkin hat einen Denkprozess angestoßen. Es gibt eine Diskussion über die Zukunft des Landes. Zu hoffen ist, dass dabei die tages-, haushalts- oder parteipolitischen Barrieren überwunden werden. Wahrscheinlich bedurfte es erst dieser Regierung, die für nicht wenige Beobachter den ephemeren Touch eines Interregnums hat und daher umso mehr zum Handeln in großen Maßstäben gezwungen ist. Von der „Zwischenbilanz einer Vision“ schrieb das Tageblatt über die Diskussion im Grand Théâtre. Um großes Theater ging es auch auf der Bühne, selbst wenn mittlerweile an den einzelnen Szenen und deren Umsetzung gefeilt wird: wenn ein „smartes“ Modellviertel in Wiltz mit rund tausend Wohnungen genannt wird, ein „Hotspot“ der Kreislaufwirtschaft, ein Supercomputer, eine Art Hal 9000, der die Digitalisierung der Industrie vorantreiben soll, sowie Elektroautos, die auf der Odyssee 2050 Strom aus erneuerbaren Energien tanken.

Eine wirkliche Alternative zum wachstumsorientierten Wirtschaften gibt es noch nicht. Doch wie es in Zukunft auf eine nachhaltige Art und Weise gestaltet werden soll, fragt Vizepremier Etienne Schneider. Mit der Rifkin-Strategie sollen die Folgen des Wachstums abgefedert, oder noch besser, ein Ausweg aus dem nicht nachhaltigen Wachstumsmodell gefunden werden, wie Carlo Thelen von der Handelskammer hofft. Eine Exit-Strategie mit mehr Produktivität und weniger Ressourcen. Der große Wurf ist der Rifkin-Prozess nicht für jeden. Dem Mouvement écologique, der vor dem Theater demonstrierte, geht er nicht weit genug. Die Umweltschützer hegen Zweifel an dem „qualitativen Wachstum“ und befürchten, dass sich die Vision als Illusion entpuppt – als Trugbild, als „Seifenblase“.

Es fehlt in der Tat etwas an Rifkins Vision: Ein gesellschaftliches Modell, das eine soziale Kohäsion trotz aller Heterogenität gewährleistet, ist darin nicht vorgezeichnet. Die Fragen der Migration und der Integration, die Bildungsgerechtigkeit, der Datenschutz sowie die Überwindung der Chancenungleichheit, die Armutsbekämpfung und die regulatorische Rolle der Politik spielen in der momentanen Debatte leider nur eine untergeordnete Rolle. Die digitale Revolution gibt darauf bisher keine zufriedenstellende Antwort. Und dennoch ist der Rifkin-Prozess eine Chance. Die Umsetzung obliegt den Politikern. Sie betrifft jedoch nicht mehr nur den unmittelbaren Nahbereich der menschlichen Verantwortung, sondern eine Zukunftsethik, wie sie einst der Philosoph Hans Jonas in seinem „Prinzip Verantwortung“ formulierte. Vor allem aber ist sie keine Utopie.

Stefan Kunzmann

Journalist

Ressorts: Politik, Investigativ, Aktuelles

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Author: alommel

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