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Edito: Rauer Umgangston

„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?“, behauptet ein deutsches Volkslied und in Zeiten von Internet ist es leichter als nie zuvor, diese Frage zu beantworten: „Jeder“. Denn in Zeiten von Sozialen Medien tun sich immer weniger Menschen den Zwang an, die eigenen Gedanken für sich zu behalten, sondern sie posaunen ihre Eingebungen ganz ungefiltert im Netz raus. Das Problem sind nicht die Menschen, welche sich seriös und reflektiert mit einem Thema auseinandersetzen und ihre Gedanken in Worte fassen und diese dann mit der Öffentlichkeit teilen. Diese sind leider – zumindest vermitteln einem Facebook und Co. in letzter Zeit verstärkt diesen Eindruck – in der Minderheit und viele von ihnen haben das Feld um die Meinungshoheit kampflos geräumt, so dass die abstrusen Ideen und skurrilen Gedanken von verschiedenen Menschen und Gruppierungen lauter zu hallen scheinen als je zuvor.

Die Corona-Krise wirkt scheinbar wie ein Katalysator und verstärkt diese Tendenzen noch einmal. Von Verschwörungstheorien über rechte Schwurbeleien, von QAnon bis Zwangsimpfungen, jede Hirnrissigkeit findet ihre Abnehmer und Menschen, die diese weiter verbreiten, ohne nur einmal minimal die grauen Zellen einzuschalten. Doch gibt es diese Zunahme der Verrohung der digitalen Diskussionskultur tatsächlich oder handelt es sich hierbei um eine verzerrte, rein subjektive Wahrnehmung? Schaut man sich, als vielleicht prominentestes Beispiel, die Social-Media-Kommunikation des aktuellen US-Präsidenten an, dann kann man sehr schnell zu dem Schluss kommen, dass ein forsches Auftreten und Aufplustern aktuell der Weisheit letzter Schluss bei Twitter sei. Und auch die breite Öffentlichkeit scheint diese Tendenz immer stärker wahrzunehmen. In einer vom deutschen Forschungsinstitut Forsa im Jahr 2018 durchgeführten Umfrage gaben 78 Prozent der Teilnehmer an, dass sie mindestens schon einmal Hassreden und –kommentare im Internet gesehen haben.

Gibt es eine Zunahme der Verrohung der digitalen Diskussionskultur?

Wie stark und ob die Kommunikation und der öffentliche Diskurs sich tatsächlich durch die Verwendung von Sozialen Medien verroht hat, ist kaum analysiert. Doch eine Studie der Konrad Adenauer Stiftung aus dem vergangenen Jahr beschäftigt sich genau mit dieser Frage und vor allem mit dem Mediendienst Twitter. Aus ihrer Analyse von verschiedenen Twitter-Hashtags kommen die Autoren Mathias König und Wolfgang König zur Schlussfolgerung, dass der Grad der Verrohung immer vom Kontext abhängt. So haben die Forscher zum Beispiel anhand der Analyse der Hashtags #pegida und #tatort herausgefunden, dass tendenziell Tweets im politischen Kontext sprachlich verrohter sind als die aus dem Unterhaltungsbereich.

Es scheint also nicht eine Wahrnehmungsverzerrung zu sein, dass aktuell in den sozialen Medien der Umgangston und die Diskussionen rauer geführt werden. Vor allem scheint mit verschiedenen Menschen ein normaler Austausch von Argumenten via digitale Medien kaum noch zu führen zu sein, vor allem wenn das Gegenüber davon überzeugt ist, dass das Corona-Virus eine Fake-News ist…

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Martine Decker

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