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Edito: Rolle der Trolle

Am Sonntag wird in Deutschland gewählt. Im Vorfeld deutet vieles darauf hin, dass an der aktuellen Bundeskanzlerin und ihrer Partei CDU kaum ein Weg vorbeiführen und Angela Merkel für eine weitere Mandatszeit die Geschicke Deutschlands lenken wird. Viel spannender als die Frage, auf wieviel Prozent CDU/CSU kommen, ist die Frage, wie die Wähler ihre Stimmen auf die anderen Parteien verteilen.

Rezenten Umfragen zufolge würde die SPD die zweitstärkste Partei werden. Dann käme schon die rechtspopulistische AfD (mit vorausgesagten 9 Prozent), welche bei den Bundestagswahlen 2013 sechststärkste Kraft war (4,7 Prozent). Erstaunlich für eine Partei, welche intern zerstritten ist und nach außen so tut, als sei sie eine Protestpartei, in Wirklichkeit allerdings alles tut, um mit möglichst starken Emotionen möglichst viele Wähler zu ködern. Nicht umsonst ist sie von der Anti-EU-Partei zur Anti-Flüchtlingspartei mutiert.

Kann das Internet das Ergebnis der Bundestagswahl beeinflussen?

Auffallend auch, dass sich die AfD das Internet sehr stark angeeignet hat und vor allem auf sozialen Netzwerken große Präsenz manifestiert. Dass ihre Vorgehensweise dabei System hat, wurde von der Satirepartei „Die Partei“ entlarvt. Diese veröffentlichte, nachdem sie mittels „Cyberputsch“ bei 31 geheimen AfD-Facebook-Gruppen die Administratorenrechte übernommen und die Seiten umbenannt und dann öffentlich gemacht hatte, ein Video, in dem die Social-Media-Strategie der Rechtspopulisten erklärt wird. Diese hat zum Ziel, die politischen Ansichten möglichst vielfältig zu verbreiteten, und so würden „Freundschaftsanfragen von mutmaßlichen Bot-Accounts aus der AfD“ grassieren. Die dann geteilten Inhalten würden Nutzer – vor allem Männer zwischen 45 und 54 Jahren – in einen Strudel von Hetze und Fakenews reinziehen. „Verstehen Sie? Sie werden von Robotern verarscht wie in der Matrix“, bringt es der „Partei“-Politiker Shahak Shapira im Video auf den Punkt.

Und da wäre also wieder die Rolle des Internets und dessen möglicher Einfluss auf eine Wahl (ganz ähnlich wie bei der US-Präsidentenwahl). Die Seite „Motherboard“, welche zum Nachrichtenportal „Vice“ gehört, hat vor der Wahl über Monate verschiedene soziale Netzwerke und Aktivitäten von (rechten) Trollen (bewusste Provokateure im Internet) beobachtet, welche kräftig die Werbetrommel für die AfD-Spitzenpolitiker gerührt haben. Das Fazit: Die Anzahl würde durch ständig neu erstellte Profile steigen. Diese würden sich gegenseitig faven und liken und sich so künstlich aufbauschen. Die Aktionen seien beim breiten Publikum allerdings nur mäßig erfolgreich, auch, weil im Gegensatz zu den USA das Netzwerk Twitter in Europa eine relativ unbedeutende Social-Media-Plattform ist. Der Einfluss der Trolle auf die Wahl ist also eher gering. Ob dies stimmt, wird sich am Sonntag zeigen.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Martine Decker

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