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Edito: Sachlichkeit

Als die US-amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano am 15. Oktober vergangenen Jahres betroffene Frauen (und Männer) auf Twitter dazu ermutigte, die Worte „me too“ zu benutzen, um im Zuge des Weinstein-Skandals darauf aufmerksam zu machen, wie Hoch das Ausmaß an sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen ist, dürfte wohl ziemlich schnell der ein oder andere männliche Hollywoodstar Angst vor dem digitalen Pranger gehabt haben. Schließlich verbreitete sich das Hashtag binnen kürzester Zeit wie ein Lauffeuer.

Am ersten Tag wurde #MeToo 200.000 Mal benutzt. Innerhalb der folgenden zwei Tage wurde das Hashtag, nach Angaben von Twitter, 825.000 Mal verwendet und später abgewandelt wie zum Beispiel „Balance ton porc“ in Frankreich. In mehreren Ländern schaffte es das Hashtag in die Twitter-Charts.

In der Traumfabrik stehen mittlerweile neben dem Produzenten Harvey Weinstein weitere berühmte Hollywoodgrößen wie unter anderem Kevin Spacey, Dustin Hoffmann, Charlie Sheen, Val Kilmer, Steven Seagal oder auch noch Ben Affleck auf der Liste der prominenten Männer, welchen sexuelle Übergriffe, Belästigungen oder Fehlverhalten gegenüber Frauen vorgeworfen wird.

Solange das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen existiert, besteht Handlungsbedarf.

Mit ihrem Tweet im Oktober hatte Milano wahrscheinlich vor allem die Absicht, das Ausmaß des Problems zu verdeutlichen (was ihr sicherlich geglückt ist) und weniger die Zielsetzung, eine sachliche Diskussion über die Thematik anzustoßen. Doch genau dies wäre sechs Monate nach dem Medienhype um die #MeToo-Bewegung vonnöten. Den aktuell besteht ein Problem: In der Diskussion werden allzu oft reelle Straftaten (wie etwa Vergewaltigungen) auf der einen Seite und der nach wie vor existierende, aber keinen Strafbestand erfüllende männliche Chauvinismus auf der anderen Seite vermischt.

Die Debatte über Machtmissbrauch, offenen Sexismus, sexuelle Gewalt und unterschwellige Frauenverachtung bedarf allerdings vor allem Sachlichkeit, weil das Thema in der Vergangenheit fast pawlowartig von der breiten Öffentlichkeit mit dem Schlagwort „Frauenthema“ abgestempelt wurde. Und der Kampf gegen die existierenden patriarchalen Machtstrukturen – egal ob im Filmbusiness, der Musikindustrie, Politik, am Arbeitsplatz oder im Alltag – auch im Jahr 2018 allzu oft wie ein Tabuthema behandelt wird.

Die #MeToo-Bewegung hat sicherlich dafür gesorgt, dass die breite Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert wurde. Und vielleicht auch dafür gesorgt, dass – wie es letzte Woche rund ums Nobelpreis-Komitee passiert ist – Dinge schneller an die Öffentlichkeit kommen. Allerdings muss noch einiges passieren, damit Opfer von sexueller Gewalt sich überhaupt trauen, Anzeige zu erstatten. Laut einer Studie der Polizei Niedersachsen wurden im vergangenen Jahr lediglich sieben Prozent der Sexualdelikte angezeigt. Bei Sachschaden am eigenen PKW waren es laut gleicher Studie 94 Prozent…

Und solange das gesellschaftliche Machtgefälle zwischen Männern und Frauen, die nach wie vor in Politik und in Führungsgremien unterrepräsentiert sind, existiert, besteht Handlungsbedarf. Auch hierzulande…

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Stellvertretender Chefredakteur
Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Martine Decker

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