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Edito: Schatten der Vergangenheit

„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ Diese Worte von Theodor W. Adorno von 1949, unmittelbar nach der Rückkehr des deutschen Philosophen aus dem Exil, sind unterschiedlich interpretiert worden – als Verdikt gegen jegliche Literatur oder Kunst im Allgemeinen nach dem Völkermord an den Juden ebenso wie als Provokation. Denn Adornos Satz fordert geradezu zur Gegenthese heraus: Über Auschwitz muss geschrieben werden, damals wie heute und in der Zukunft.

Auschwitz ist ein Symbol für den Holocaust, die Shoah, für den systematischen Massenmord an den Juden Europas, aber auch an vielen anderen Menschen. Es ist ein Mahnmal der Barbarei und des Schreckens der Naziherrschaft. Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager, das stellvertretend für andere Lager steht. Auch wenn es bald nicht mehr viele Zeitzeugen geben wird, die den Holocaust überlebt haben und von der schrecklichen Barbarei erzählen können, muss daran erinnert werden.

Das Gedenken, das aktive Erinnern an den Holocaust, ist notwendiger denn je angesichts des Wiedererstarkens nationalistischer, rassistischer und antisemitischer Tendenzen weltweit. In vielen Ländern erleben chauvinistische und faschistische Bewegungen und Parteien einen Auftrieb, in einigen regieren sie sogar. Um so mehr ist die Erinnerungsarbeit von großer Bedeutung. Selbst wenn es in den Ohren vieler nach einer „Instrumentalisierung des Holocaust“ oder nach einer „Moralkeule“ klingt, wie der deutsche Schriftsteller Martin Walser 1998 in seiner umstrittenen Rede in der Frankfurter Paulskirche formulierte, als er von einer „Dauerpräsentation unserer Schande“ sprach. Von Walsers Rede bis zu dem AfD-Politiker Björn Höcke war es übrigens nicht weit, wenn dieser 2017 das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnete.

Der Holocaust ist unvergleichlich – und darf dennoch verglichen werden.

Oft ist von Vergangenheitsbewältigung die Rede, wenn es um die juristische und politische, gesellschaftliche und kulturelle Aufarbeitung der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs geht, aber auch anderer Diktaturen und Kriege, in denen Menschenrechtsverbrechen geschahen. Die Einen wollen gerne einen Schlussstrich ziehen oder verschleiern die Vergangenheit mit einem Opfermythos, was zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg ein weit verbreitetes Muster in Österreich war, wenn das Land als „erstes Opfer der nationalsozialistischen Aggressionspolitik“ bezeichnet wurde. Oder sie pflegen einen Heldenmythos wie zum Beispiel das „Frankreich im Widerstand“, das General Charles de Gaulle proklamierte. Andere wiederum haben in den letzten Jahrzehnten in mehr oder minder langwierigen Prozessen versucht, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. In Luxemburg ist es nicht zuletzt die Rolle der Verwaltungskommission während der deutschen Besatzung gewesen, die im besonderen Fokus von Historikern stand. Dabei bröckelte mehr und mehr der Mythos vom Land der Opfer und Widerstandskämpfer.

Der Holocaust erscheint als organisierter, systematischer Genozid unvergleichlich und darf dennoch verglichen werden. Aber er darf nicht banalisiert werden. Einige aus der langen Reihe der Adolf-Hitler- und Nazi-Vergleiche haben sicher zu dieser Banalisierung der Shoah beigetragen, wenn zum Beispiel radikale Abtreibungsgegner von einem „Holocaust an ungeborenen Kindern“ und Tierschützer von einem „Hühner-Holocaust“ sprachen. Diese Vergleiche sind äußerst fragwürdig. „Cäuste wohin man auch schaut“ – der Theaterregisseur Tobias Ginsburg hat beobachtet, dass unter anderem Rechtsextreme falsche Holocaust-Vergleiche lieben.

Und darf man Abschiebe- bzw. Internierungslager an der amerikanisch-mexikanischen Grenze als Konzentrationslager bezeichnen, wie es die US-Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez tat? Mit der Erklärung, Analogien zwischen dem Holocaust und anderen Ereignissen zurückzuweisen, hat das United States Holocaust Memorial Museum ein Denkverbot erteilt. Die Nazi-Verbrechen sind ein Zivilisationsbruch, aber deshalb dürfen sie nicht tabuisiert werden. Denn das würde sie der kulturellen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung entziehen. Die Kontroverse um die für die Documenta 2017 geplante Performance „Auschwitz on the Beach“ hat dies auf den Punkt gebracht. Sie wurde abgesagt. Auf einer Ersatzveranstaltung nahm der Aktivist Franco Berardi sein Gedicht, in dem er die Schicksale von Flüchtlingen mit dem Holocaust verglich – und zerriss es. Hat Adorno also Recht gehabt?

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Martine Decker

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