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Edito: Solidarität statt „Blame Game“

„Die Regierung war schuld.“ Dies sagte ein Passant bei den Aufräumarbeiten am Tag nach dem Tornado. Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, den Politikern die Schuld an einem Wirbelsturm zu geben, und wie abwegig dies auch sein mag: Der Gedanke, dass Premierminister Xavier Bettel in Zeus-Manier eine zerstörerische Windhose über Petingen und Käerjeng geschickt hat, ist eher belustigend. Und noch dazu pikant, haben doch beide Gemeinden mit Pierre Melina und Michel Wolter zwei renommierte CSV-Politiker als Bürgermeister. Aber auch die Studiensemester an der Universität von Thessaloniki dürften dem heutigen Regierungschef nicht die Fähigkeiten des olympischen Gottes aus der griechischen Mythologie verliehen haben.

Eines zeigt die zitierte Aussage jedenfalls: Es besteht ein enges Verhältnis von Politik, Gesellschaft und Naturkatastrophen. Nicht nur, dass der Mensch direkt Auslöser der Letzteren sein kann, sondern dass er indirekt zu ihren Auswirkungen beitragen oder sie verschärfen kann, so zum Beispiel durch die globale Erwärmung. Dies betrifft auch die Reaktionen auf Unglücke und die Art und Weise, mit ihnen umzugehen. Dafür gibt es zahlreiche Belege in der Geschichte der Menschheit, die zeigen, dass bis heute jede Kultur ihren eigenen Weg hat, um mit einem Erdbeben oder Vulkanausbruch, mit einem Hurrikan oder einer Flut fertig zu werden – und „mit“ diesen Gefahren zu leben.

So haben Heidelberger Forscher der Arbeitsgruppe „Cultures of Disaster“ vor einigen Jahren untersucht, wie sich verschiedene Kulturen auf mögliche Naturkatastrophen vorbereiten oder diese verarbeiten. Japan beispielsweise ist technisch gut gegen Erdbeben gewappnet, und die Niederländer sind erfahren im Umgang mit Sturmfluten. In der stark individualisierten US-Gesellschaft vertrauten die Menschen hingegen vor allem auf sich selbst, stellten die Wissenschaftler fest. Kulturübergreifend hingegen ist sicherlich das „Blame Game“, also gegenseitige Schuldzuweisungen: Nachdem früher Gott als Auslöser einer Katastrophe gesehen und diese oft als Bestrafung für sündiges Treiben interpretiert wurde, wird heutzutage nach den Schuldigen unter den Menschen selbst gesucht, ob es nun die Firma war, die Pfusch am Bau betrieb, oder die „Klimasünder“ – allein schon letzteres Wort weist auf die säkularisierte Form der einst religiösen Erklärung hin.

Jede Kultur hat ihre spezifische Art, mit einer Naturkatastrophe umzugehen.

Naturkatastrophen können Gesellschaften fundamental und über lange Zeit prägen: Erinnert sei an das berühmte Erdbeben von Lissabon von 1755, das zusammen mit einem Großbrand und einem Tsunami die portugiesische Hauptstadt fast völlig zerstörte und erhebliche Auswirkungen auf die Politik, Kultur und Wissenschaften jener Zeit hatte. Vor allem in der Philosophie warf es die Frage auf: Wie konnte ein allmächtiger Gott so ein Unglück zulassen? Zugleich gab die Katastrophe einen entscheidenden Anstoß für die Erdbebenforschung. Kritik an einem fehlenden Warnsystem gab es nach dem Erdbeben im Indischen Ozean und einer Reihe von verheerenden Tsunamis mit etwa 230.000 Todesopfern im Dezember 2004, der schwersten Tsunami-Katastrophe der jüngeren Zeit.

Die Folgen des Hurrikans Katrina im August 2005 im Süden der USA, insbesondere die Überflutung weiter Teile New Orleans, wurden übrigens später nicht nur als Auswirkungen eines Naturereignisses diskutiert, sondern als Konsequenzen von politischen Fehleinschätzungen. Kurz gesagt: Katastrophen können politische Karrieren entscheidend beeinflussen. So wurde der spätere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt aufgrund seines entschlossenen und unbürokratischen Handelns bei der Hamburger Flutkatastrophe von 1962 als „Herr der Flut“ bezeichnet.

Als sicher gilt, dass unter der zunehmenden Zahl klimabedingter Naturkatastrophen die Ärmsten am schwersten betroffen sind. Außerdem fällt immer wieder auf, zu welch großer Solidarität Menschen angesichts dieser Unglücke bereit sind. So auch hierzulande nach dem Tornado, wo die Menschen, die um ihre Bleibe gebracht wurden, eine beispielhafte Solidaritätswelle erleben. Dies bezieht sich nicht auf die schnelle Hilfe seitens der Regierung, deren Aufgabe es schließlich ist, sondern auf die zahlreichen freiwilligen Helfer und auf die Spendenaufrufe – unter anderem in den sozialen Netzwerken.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Martine Decker

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