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Edito: Spiegel der Gesellschaft

Der erste Artikel in der allerersten Ausgabe der Revue im September 1945 handelt von Hiroshima und Nagasaki. Die beiden Atombombenabwürfe stehen für das Ende des Zweiten Weltkrieges und den Anfang einer neuen Ära. Seither sind 75 Jahre vergangen, in denen die Revue über Luxemburg und die Welt informierte und auch unterhielt. Sie wurde zu einem Spiegel der luxemburgischen Gesellschaft. Das Magazin erlebte Höhen und Tiefen, wie die Medien allgemein in den 75 Jahren seit Kriegsende in Luxemburg, wie auch in anderen Demokratien, eine abwechslungsreiche Erfolgsgeschichte geschrieben haben. Oftmals wurde die Presse als vierte Gewalt bezeichnet.

Nicht nur die Medien erlebten einen Wandel, sondern auch ihre Rezeption. In den letzten Jahren war häufig von der „Lügenpresse“ die Rede. Der klassische Vorwurf, die Presse lüge wie gedruckt, sie sei gekauft und handle im Dienst des Establishments, erlebt ein Revival. Der Kampfbegriff „Lügenpresse“ fand bereits im 19. Jahrhundert Verwendung, damals von konservativer Seite gegen liberale Zeitungen, nach dem Ersten Weltkrieg wurde er oft im Sinne antisemitischer Hetze benutzt, und im 21. Jahrhundert wird er besonders von Rechtsextremen, Rechtspopulisten und Wutbürgern verwendet – zuletzt von Staatschefs wie Trump und Bolsonaro sowie Corona-Leugnern.

Was aber nicht heißen soll, dass die Vertrauens- oder Glaubwürdigkeitskrise, die der Journalismus zurzeit erlebt, nur auf dem Mist rechter Demagogen und Verschwörungstheoretiker gewachsen ist. Auch das Internet und die sozialen Medien sind nicht an allem schuld. Tatsache ist, dass die Medien in einer Dauerkrise stecken, wie Siegfried Weischenberg in „Medienkrise und Medienkrieg“ schreibt. „Sie leiden unter der ,amerikanischen Krankheit‘“, so der Journalismusprofessor und frühere Präsident des Deutschen Journalistenverbandes (DJV). Die Folgen seien: „Kommerzialisierung der Inhalte, Reduzierung der Investitionen und Minimierung des journalistischen Personals“. Außerdem hätten professionelles Unvermögen und ethisches Versagen von Journalisten das Vertrauen in die Berichterstattung erschüttert. Verschwinden die gedruckten Zeitungen und werden Artikel künftig nur noch online gelesen? „Brauchen wir überhaupt noch Journalismus?“, fragt Weischenberg. Ja, antwortet er, damit „nicht jeder Bullshit in die Welt geblasen werden kann, ohne Rücksicht auf Verluste“.

Die dreifache Krise des Journalismus – eine ökonomische, eine politische und eine essentielle – ist nach den Worten des österreichischen Journalisten und Fernsehmoderators Armin Wolf ein Symptom für die Krise der Demokratie. Eine fundamentale Voraussetzung für die journalistische Arbeit ist die Pressefreiheit. Eine weitere ist die ökonomische Basis. Einen Teil dieses Fundaments liefert in Luxemburg die staatliche „Pressehilfe“. Ihre Reform, die sich zurzeit in der legislativen Prozedur befindet, soll unter anderem die Medienvielfalt langfristig stärken. „Die Presse ist ein Grundpfeiler der Demokratie“, sagte Premierminister Xavier Bettel. Die Basis des Journalismus solle gestärkt werden, damit dieser seinem gesellschaftlichen Auftrag langfristig gerecht werden könne. Er sei beim Wort genommen!

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Martine Decker

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