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Edito: Spiel mit dem Feuer

Um Absteiger und Aufsteiger ging es in den vergangenen Wochen in den jeweiligen Sportligen. Ein notorischer Aussteiger hingegen ist Donald Trump. Der US-Präsident spielt am liebsten nach seinen Regeln und in seiner eigenen Liga nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto: Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Kein Kinderspiel, sondern bitterer Ernst. Denn die Exit-Strategie von The Donald kann weitreichende Folgen haben. Der 45. Staatschef der Vereinigten Staaten wird nicht zu Unrecht als gefährlich bezeichnet.

Vor knapp einem Jahr schockte Trump die Welt mit seiner Ankündigung, aus dem Pariser Klima-Abkommen auszusteigen. Anfang April drohte er mit dem Ende des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens. Mit dem Ausstieg aus dem Iran-Abkommen zerlegt er nicht nur die Außenpolitik seines Vorgängers Barack Obama, sondern brüskiert seine engsten Verbündeten. Mit dem jüngsten Bruch setzt er auf Konfrontation und bestärkt die Hardliner im Iran.

Die einzelnen Konflikte im Nahen Osten sind heillos miteinander verwoben. Es gibt mehrere Brandstifter – und Trumps Politik wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Mehrere Staaten in der Region wie Syrien und der Irak, Libyen und der Jemen sind gescheitert. Die Folgen sind Krieg und Zerstörung, die auf andere Länder überzugreifen drohen. Eine neue Ordnung ist nicht in Sicht. Dabei sah es zu Beginn des Jahrzehnts noch anders aus: Manche hatten sich vom Arabischen Frühling einen Demokratisierungsschub erhofft. Das Gegenteil ist eingetreten.

Wer hat den Geist aus der Flasche gelassen? Es war die amerikanische Invasion im Irak im Jahr 2003, die dort den sunnitischen Diktator Saddam Hussein stürzte und für den schiitischen Aufstieg an Euphrat und Tigris sorgte. Saudi-Arabien und Iran nutzen die konfessionellen Gegensätze für ihre eigenen hegemonialen Ziele, während Russland, verbündet mit dem Assad-Regime, in Syrien versucht, in die Rolle einer Ordnungsmacht zu schlüpfen. Was es aber ebenso wenig kann wie China und die Europäische Union. Zugleich soll Katar gefügig gemacht werden, während der Nato-Staat Türkei ein Zweckbündnis mit Moskau eingegangen ist. Und Israel?

Es gibt eine weitere Analogie, denn sowohl die Kriege in Mitteleuropa im 17. Jahrhundert wie auch jene im Nahen Osten sind „Konflikte zwischen Wertbindungen und geostrategischen Interessen“

Einerseits kann die israelische Regierung eine Bedrohung, die vom Iran und neuerdings wieder von iranischen Truppen aus Syrien ausgeht, nicht hinnehmen. Doch auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schürt die Glut. Hinzu kommt Trumps Entscheidung, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Damit hat der Amerikaner Öl ins Feuer gegossen. Das Massaker, das die israelischen Soldaten an der Grenze zum Gazastreifen angerichtet haben, ist eine weitere Stichflamme, die sich zum riesigen Flächenbrand ausweiten kann.

Der Politologe Herfried Münkler zieht in seinem Buch „Der Dreißigjährige Krieg“ Parallelen zwischen der „europäischen Katastrophe“ von 1618 bis 1648, einer „Metapher für die Schrecken des Krieges schlechthin“, und den Kriegen im Nahen Osten. In der Tat gibt es eine Reihe von Ähnlichkeiten. Dies sind die große Anzahl bewaffneter Gruppierungen, die in wechselnden Koalitionen kämpfen, sowie die Unübersichtlichkeit der Fronten. Hinzu kommen außerhalb der Kriegsgebiete beheimatete Kämpfer, die ebenso wie der permanente Zustrom von Geld und Waffen dafür sorgen, dass der Krieg nicht „ausbrennt“. Außerdem wird der Konflikt in Form von Belagerungsschlachten ausgetragen, bei denen die Zivilbevölkerung als Schutzschild missbraucht wird.

Es gibt eine weitere Analogie, denn sowohl die Kriege in Mitteleuropa im 17. Jahrhundert wie auch jene im Nahen Osten sind „Konflikte zwischen Wertbindungen und geostrategischen Interessen“, überlagert von religiös-konfessionellen Konfliktlinien: in Europa einst der Konfessionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten, in Nahost der zwischen Sunniten und Schiiten. Im Westfälischen Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, haben sich die geopolitischen Interessen durchgesetzt. Im Augenblick spreche vieles dafür, schreibt Münkler, dass es im Nahen Osten nicht anders sein wird.

Gibt es überhaupt eine Chance auf Frieden? Der Erfolg des Westfälischen Friedens beruhte darauf, dass die einzelnen Konfliktlinien systematisch voneinander getrennt wurden. Vorausgegangen war ein fünf Jahre dauernder Friedenskongress. Dass sich die damals ausgehandelten Kompromisse nicht gegenseitig blockierten, ist einer diplomatischen Meisterleistung von Leuten wie Maximilian, dem Freiherrn von und zu Trautmannsdorff, zu verdanken. Wer tritt in Nahost in seine Fußstapfen? Vor 25 Jahren wurde der Palästinenserführer Jassir Arafat dazu gebracht, Verhandlungen mit Israel aufzunehmen. Dafür erhielt er gemeinsam mit Shimon Peres und Jitzchak Rabin den Friedensnobelpreis. Doch die großen Staatsmänner von einst sind tot. Heute sind Falken am Ruder. Allesamt Brandstifter.

Foto: mikecook1/pixabay

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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