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Edito: Ständige Präsenz

Vor etwas mehr als fünf Jahren lautete das Motto zu Beginn des Jahres – egal ob in den klassischen Medien oder den sozialen Netzwerken – quasi unisono „Je suis Charlie“. Der islamistisch motivierte Anschlag am 7. Januar 2015 auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ hatte die breite westeuropäische Öffentlichkeit zutiefst erschüttert und gezeigt, dass Terroranschläge zu jeder Zeit auch in Westeuropa passieren können. Etwas, das in der französischen Hauptstadt mit den Attentaten vom 13. November im gleichen Jahr mit 130 getöteten Menschen auf blutigste Art und Weise untermauert und durch weitere Anschläge unter anderem in Nizza, Brüssel und Berlin fortgesetzt wurde.

Die Bilder dieser Attentate haben sich in das kollektive Gedächtnis gebrannt und zeitgleich den alten Kontinent verunsichert. Dies, obwohl die Zahl der Terroranschläge und der Todesopfer weltweit in den 70ern und Anfang der 80er deutlich höher lag. Laut der „Global Terror Database“ der Universität von Maryland stellte das Jahr 1979 den Höhepunkt des Terrors dar, mit rund 800 Anschlägen (vor allem von Separatisten in Frankreich, Spanien und Großbritannien verübt). Das „tödlichste Jahr“ war 1988, als 366 Menschen ihr Leben ließen. Alleine 270 davon bei einem Bombenanschlag auf eine PanAm-Maschine über dem schottischen Lockerbie.

Die Bilder dieser Attentate haben sich in das kollektive Gedächtnis gebrannt.

Wieso gerade die Attentate im Jahr 2015 – ähnlich wie 9/11 in den USA – eine Art Zäsur im öffentlichen europäischen Gedächtnis darstellen, ist relativ einfach zu verstehen. Dieser Stichtag hat den Menschen die Omnipräsenz der Terrorgefahr in Westeuropa nachhaltig vor Augen geführt. Vor allem auch, weil man noch heute in Paris an jeder größeren Kreuzung oder einem viel frequentiertem Ort auf schwerbewaffnete Polizisten trifft. Und auch hierzulande werden aus Angst vor Anschlägen Großveranstaltungen wie etwa die Schueberfouer oder der Weihnachtsmarkt mit Betonbarrieren geschützt.

Selbst wenn die Anzahl der verübten Anschläge in den letzten Jahren zurückgeht, bedingt durch die verstärkte Zusammenarbeit und den Informationsaustausch auf EU-Ebene, so zeigt die Anzahl der vereitelten Attentate in Frankreich oder in Deutschland, dass die Gefahr nicht gebannt ist und erhöhte Sicherheitsstufen in den unterschiedlichen Ländern Europas durchaus berechtigt sind.

Dabei geht die Gefahr heute immer weniger von Dschihadisten, welche vom IS oder von al-Qaida ferngesteuert werden, aus. Experten warnen nämlich vor einer anderen motivierten Form des Terrorismus. Laut dem „Institute for Economics & Peace“ wächst in den letzten Jahren vor allem in Europa, Amerika und Ozeanien die Zahl der Menschen, welche rechtsextremem Terror zum Opfer fallen. Zwar spielt rechtsextremer Terror global gesehen noch eine untergeordnete Rolle, dennoch sind im Jahr 2019 (bis September) 77 Menschen durch Rechtsextremisten getötet worden, 2018 waren es noch 26. Eine wachsende Gefahr, welche die Politik nicht unterschätzen sollte… 

Author: Philippe Reuter

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