Home » Politik & Wirtschaft » Editorial » Edito: Struktureller Rassismus

Edito: Struktureller Rassismus

Die Liste der Afroamerikaner, die in den USA der Polizeigewalt zum Opfer gefallen sind, ist lang. Am 25. Mai war es George Floyd, dem in Minneapolis ein Polizist minutenlang das Knie auf den Hals drückte, bis er starb. Um Luft ringend, rief er: „I can’t breathe.“ (Ich kann nicht atmen). Dies sind längst die geflügelten Worte der „Black Lives Matter“-Bewegung geworden. Bereits Eric Garner hatte sie im Juli 2014 gerufen. Der asthmakranke Mann wurde in New York von Polizisten kontrolliert und in den Würgegriff genommen. Im Krankenhaus konnte nur noch sein Tod festgestellt werden. Der uniformierte Täter wurde nicht angeklagt, ebenso wenig sein Kollege, der im selben Jahr in Ferguson (Missouri) den 18-jährigen Michael Brown erschossen hatte. Beide Todesfälle führten zu Demonstrationen gegen die rassistische Gewalt der sogenannten Ordnungshüter in den USA. Wie zuletzt die Ermordung von George Floyd.

Dass Polizisten einen unbewaffneten schwarzen Mann verhaften und töten, gehöre zur Normalität, schreibt Keeanga-Yamahtta Taylor, die an der Princeton University Afroamerikanistik unterrichtet: Insgesamt wurden 2019 mehr als tausend Menschen von der amerikanischen Polizei getötet, ein Viertel davon waren Afroamerikaner, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt aber nur 13 Prozent. Auch die Proteste, die nach den Mordfällen stattfanden, gehören zum gewohnten Muster, so Keeanga Yamahtta Taylor. Sie weist auf die Widersprüche eines Landes hin, das sich als Verteidiger demokratischer Werte feierte und Menschen auf den Mond schickte, aber andererseits der afroamerikanischen Minderheit erst mit dem Civil Rights Act von 1964 die Bürgerrechte erteilte und die Rassentrennung offiziell abschaffte, in dem aber Afroamerikaner bis heute massiv diskriminiert werden. Viel wurde von Polizeireformen gesprochen. Doch geändert hat sich bis heute so gut wie nichts. Selbst Barack Obama, für viele Afroamerikaner ein Hoffnungsträger, hat nichts ändern können. Der Rassismus ist tief verwurzelt in der US-Gesellschaft, er ist strukturell und institutionell. Der radikale Aktivist Malcolm X hat ihn einmal mit einem Cadillac verglichen: Jedes Jahr kommt ein neues Modell heraus. Der Rassismus ist, neben der sozialen Ungleichheit, eine der Ursünden der USA.

Stets das gewohnte Muster. Geändert hat sich nichts.

Die Ermordung von George Floyd fällt in eine Zeit, in der Amerika von der Corona-Pandemie und der daraus folgenden Wirtschaftskrise stark betroffen ist (davon besonders hart die afroamerikanische Minderheit) – und in der heute ein Präsident im Weißen Haus sitzt, der zuspitzt und nicht ausgleichend wirkt, der polarisiert und nicht den Dialog sucht, der Feuer legt statt Brände zu löschen. Die Tweets des Staatsoberhauptes wirken wie Brandbeschleuniger. Allerdings hat sich auch die Protestwelle ausgebreitet. Sie hat nicht nur viele Städte in den USA erfasst, sondern weltweit sind Menschen auf die Straßen gegangen. Denn auch in anderen Ländern sind Menschen dunkler Hautfarbe durch Polizeigewalt zu Tode gekommen: Fälle wie die des aus Mali stammenden Adama Traoré 2016 in einem Pariser Vorort oder des Asylbewerbers Oury Jalloh, der 2005 in einer Polizeizelle in Dessau unter nach wie vor ungeklärten Umständen verbrannte, sind nur zwei Beispiele.

In Luxemburg folgten rund 1.500 Demonstranten dem Aufruf von „Lëtz Rise Up“, um gegen Rassismus zu protestieren. Auch wenn die Demo vor der US-Botschaft stattfand, erinnerten die Organisatoren daran, dass es auch hierzulande und in anderen europäischen Ländern rassistische Diskriminierung gibt. Dies belegt außer den zahlreichen Aussagen von Betroffenen die im vergangenen Jahr vorgestellte Studie „Being Black in the EU“. Umso wichtiger ist es, dass die Regierung nicht mehr weiter die Augen vor dem Problem verschließt. Denn die afrikanischstämmige Bevölkerung ist hierzulande einem alltäglichen und strukturellen Rassismus ausgesetzt, der sich unter anderem in der Benachteiligung im Bildungsbereich, bei der Wohnungssuche und in der Arbeitswelt äußert. Das „Centre pour l´Égalité de Traitement“ (CET) fordert daher mehr Mittel und Möglichkeiten, um gegen den Rassismus juristisch vorzugehen. Diese Forderung ist mehr als berechtigt.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Martine Decker

Login

Lost your password?