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Edito: Symbolkraft

Wenn wir jemanden verlieren, bleiben vor allem jene Momente in Erinnerung, die uns mit dem Verstorbenen persönlich verbinden. Für viele ältere Luxemburger ist es der Tag, an dem der damalige Erbgroßherzog Jean am 10. September 1944 zusammen mit den amerikanischen Truppen und an der Seite seines Vaters die Grenze zu Luxemburg überquerte und in der befreiten Hauptstadt ankam – unter dem Jubel der Menge. Gut fünf Jahre zuvor hatte er zusammen mit seinen Eltern das Land verlassen, weil er vor den deutschen Besatzern fliehen musste. Er hatte sich im November 1942 der britischen Armee angeschlossen und sich als Freiwilliger der Irish Guards gemeldet, er hatte im Juni 1944 an der Landung der Alliierten in der Normandie und an der Befreiung des besetzten Europas und seines Landes teilgenommen.

Somit ist Großherzog Jean, der 36 Jahre lang Staatsoberhaupt war, nicht zuletzt eine Symbolfigur der Befreiung. Held, Vorbild, Liebling der Nation – viele Bezeichnungen passen auf ihn. Aber seine Symbolkraft reicht noch weiter: Er stand für die Einheit und Unabhängigkeit des luxemburgischen Staates. Dabei übte er sein Amt stets diskret und zurückhaltend aus. Er hielt sich aus der Politik heraus. Während er amtierte, entwickelte sich das einstige Agrarland, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Industriestaat geworden war, zu einem modernen Dienstleistungs- und Finanzzentrum und zur Heimat mehrerer europäischer Institutionen. Bei seinem Antritt 1964 hatte das Großherzogtum etwa 320.000 Einwohner, heute sind es mehr als 600.000. Luxemburg wurde ein wichtiger Teil der europäischen Integration und spielte darin auch eine vorbildliche Rolle als Gründungs- und Musterstaat der Europäischen Union.

Der Großherzog steht für Stabilität und Kontinuität.

Man kann über die Monarchie urteilen, wie man möchte, sie als nicht mehr zeitgemäß oder undemokratisch bezeichnen: Die europäischen Monarchen unserer Zeit sehen sich als Hüter der Stabilität und der Demokratie. In einer parlamentarischen Monarchie ist der Monarch weitgehend von der politischen Macht abgekoppelt und hat nur noch eine repräsentative Funktion. Aber er besitzt zumindest einen symbolischen Einfluss. Ob Königin Elisabeth II., die in Großbritannien für Kontinuität steht, oder König Juan Carlos I. in Spanien für den Übergang seines Landes zur Demokratie – auch andere Monarchen haben diese positive Symbolkraft. Dies gilt auch für Großherzog Jean sowie für seinen ältesten Sohn und Nachfolger Henri, für den er am 7. Oktober 2000 auf die Krone des Großherzogtums verzichtete und abdankte.

Die Monarchie ist demnach alles andere als eine überholte Institution. Sie ist auch ein Publikumsmagnet für viele Menschen, die Luxemburg besuchen. Man möchte fast sagen, sie ist Teil des Nation Brandings. Das liegt nicht zuletzt an den Menschen, die das jeweilige Amt des Monarchen ausfüllen. So auch Großherzog Jean, „ein Symbol für Luxemburg und seine Geschichte“, wie es Xavier Bettel formulierte. „Er stand für Liebe und Verbundenheit“, sagte der Premierminister. „Er hat Spuren hinterlassen, die für immer bleiben werden.“ Es sind passende Worte für einen großen Staatsmann.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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