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Edito: Tabu und Trugschluss

Etwas weniger Verbrechen, leicht weniger Fälle von häuslicher Gewalt. Dagegen mehr Vergewaltigungen und andere Sexualdelikte. Die Zahlen, welche die Polizei im April vorstellte, haben nur eine eingeschränkte Aussagekraft. Schließlich handelt es sich jedes Mal um die Zahl der gemeldeten Fälle. Auch die 789 Fälle von häuslicher Gewalt sowie die 256 Wegweisungen, zu denen es nach häuslicher Gewalt 2016 kam, sind nur bedingt aussagekräftig. Sie verleiten zu Trugschlüssen. Denn die Dunkelziffer ist hoch. Zwar wird heutzutage über häusliche Gewalt gesprochen und ein Jahrhunderte altes Tabu allmählich gebrochen, wie Chancengleichheitsministerin Lydia Mutsch kürzlich konstatierte. Aber was sich zwischen den vier Wänden einer Familie abspielt, gilt vielen nach wie vor als Privatsache.

Privatsache ist es aber nicht, wenn Gewalt gegenüber Menschen ausgeübt wird. Leider wurde lange Zeit ein Deckmantel des Schweigens darüber gelegt. Leidtragende waren und sind sowohl Frauen als auch Männer, Erwachsene ebenso wie Minderjährige. Für sie kann die Erfahrung, ob als Opfer oder als Zeuge, zu einem posttraumatischen Belastungssyndrom führen. Die Folgen können Angstattacken, Depressionen und Suizidgedanken sein, oder Aggressionsausbrüche. Das Schweigen kann demnach sogar tödliche Folgen haben. Manche Opfer leiden ihr Leben lang darunter. Nicht wenige, die in ihrer Kindheit Gewalt erlebten, werden selbst gewalttätig.

Häusliche Gewalt ist nicht Privatsache. Der Staat muss sie bekämpfen.

Umso wichtiger sind Anlaufstellen wie die „Opferambulanz“, das „Fraentelefon“ der Femmes en détresse oder Pro Familia, aber auch Initiativen für Täter wie der Service „Riicht eraus“ des Roten Kreuzes. Um Kinder als Opfer und Zeugen familiärer Gewalt kümmert sich die Organisation Alupse. Ministerin Mutsch hat sich des Themas angenommen und ist engagiert. Die Zusammenarbeit von staatlichen Stellen und zivilgesellschaftlichen Vereinigungen ist allerdings noch ausbaufähig. Die Hilfsstrukturen müssen besser vernetzt und soziale Probleme wie die Wohnungsnot effizienter bekämpft werden.

Die gesamte Gesellschaft ist gefordert, wenn es darum geht, Gewalt zu erkennen und ihr vorzubeugen. Das gilt nicht nur für die Sicherheitskräfte, sondern auch für das Personal in Kinderbetreuungseinrichtungen ebenso wie für Ärzte und Lehrer. Denn Gewalt ist die ständige Begleiterscheinung einer Gesellschaft, ob kulturell, strukturell oder kriminalistisch. Sie gehört immer wieder thematisiert. Eine Diskussion über Gewalt und ihre Ursachen ist der erste Schritt zu deren Bekämpfung. Eine gewaltfreie Gesellschaft ist zwar eine Utopie. Aber was ist schon eine Gesellschaft ohne Utopie!

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Martine Decker

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