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Edito: Teil des Ganzen

„Wir spannen uns ein magisches Pferd vor den Wagen, und der Raum verschwindet“, berichtet der dänische Schriftsteller Hans-Christian Andersen 1840 über seine erste Fahrt mit einer damals noch gemächlich ruckelnden und zuckelnden Eisenbahn. Eine Reise mit H.G. Wells „Zeitmaschine“ führt uns vom Zeitalter der Kutschen und Dampflokomotiven um gefühlte Lichtjahre weiter in die Mobilität von heute: Eisenbahn, Autos, Flugzeuge – immer schneller und weiter hieß die Devise der Fortbewegung in den vergangenen zwei Jahrhunderten. Die technische Entwicklung ging dabei einher mit dem Ausbau der dafür nötigen Infrastruktur. Letztere ist an ihre Grenzen gestoßen.

Die Mobilität ist längst ein Grundelement unserer Gesellschaft, begleitet von dem Wunsch nach Freiheit und Individualität. Deren Symbol wiederum ist bis heute das Auto. Es dient vielen Menschen nicht nur als Fortbewegungsmittel, sondern als Prestigeobjekt und Statussymbol. Seine Erfolgsgeschichte ist ein Teil des technischen und gesellschaftlichen Fortschritts. Aus und vorbei? Immer schneller und weiter? Schließlich verbringen wir heute Stunden um Stunden im Stau. Die Städte kollabieren unter Blechlawinen. Die Ballungsräume ersticken in Abgasen. Das Auto hat seinen Nimbus als Zeichen des Fortschritts verloren.

„Das Auto wird seinen kultischen Stellenwert verlieren“, sagt Nachhaltigkeitsminister François Bausch. „Für Jugendliche hat heute ein Tablet mehr Bedeutung als ein Auto.“ Auf den ersten Blick spricht einiges dagegen. Die Studie „Luxmobil 2017“ zum Beispiel ergab: Das Auto ist nach wie vor das unangefochtene Verkehrsmittel Nummer eins in Luxemburg. 69 Prozent der Wege entfallen auf den motorisierten Individualverkehr, zwölf Prozent werden zu Fuß und zwei Prozent mit dem Fahrrad zurückgelegt. Das „Elterntaxi“ macht 39 Prozent des Schultransports aus.

Die Autobahn des 21. Jahrhunderts ist die der Daten, ein digitaler Pfad statt abgefahrener Asphaltpisten.

Das am 27. Januar beginnende Autofestival in seiner 54. Ausgabe dient wie jedes Jahr als Indikator des laufenden Geschäftsjahres für die Autohäuser. Rund ein Drittel der Zulassungen pro Jahr gehen auf diese zehn Tage zurück, in denen die Autohäuser ihre Neuheiten vorstellen. Auch dieses Jahr erwarten die Branchenverbände Fegarlux (Fédération des Garagistes du Grand-Duché de Luxembourg) und ADAL (Association des Distributeurs Automobiles Luxembourgeois) einen großen Zustrom an Besuchern. Fegarlux-Präsident Philippe Mersch berichtet von einer positiven Tendenz: Die Zahl der Neuzulassungen stieg 2017 um 4,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ergebnis: der Rekord von 52.775 neu zugelassenen Fahrzeugen. Noch besser ist der Trend bei den Gebrauchtwagen. Bei ihnen legte die Zahl der Zulassungen seit 2010 kontinuierlich zu. Dabei geht der Trend deutlich zu größeren Autos hin, zu SUV und Kombi. 44 Prozent der Neuzulassungen fielen 2017 in diese Kategorie. 2016 war es die Hälfte.

Enorme Steigerungen gab es beim Verkauf von Elektro- und Hybridautos, allerdings ist deren absolute Zahl eher bescheiden: Insgesamt wurden 1.530 Hybrid- und 369 Elektroautos zugelassen. Dass die Benzin- und Dieselautos ganz von der Straße verschwinden werden, glaubt Philippe Mersch nicht. Er begrüßt das von der Regierung ankündigte „Abattement pour mobilité durable“, eine Steuererleichterung für den Kauf von Plug-In-Hybridautos. Im Gegenzug verlangt er, dass Geld in Infrastrukturen wie Parkplätze und Straßen gesteckt wird.

Doch die Infrastrukturen der Mobilität der Zukunft bestehen nicht mehr in der Flächenversiegelung, deren Folgekosten künftige Generationen zu tragen haben. Ein schlichtes „Weiter so“ ist nicht mehr möglich. Ein Umdenken ist nötig, ein Mentalitätswandel – und dieser findet bereits statt: Car Sharing, Park and Ride, Mietwagen. In diesem Sinne hat sich auch die Bedeutung des Autos gewandelt: vom Statussymbol zur reinen Notwendigkeit, für die urbane Bevölkerung ebenso wie für ländliche Bewohner. Das „heilige Blech“ ist Teil eines Ganzen. Der „Modal Split“, die kombinierte Verkehrsmittelwahl, ist das neue Zauberwort. Hier dominiert noch das Auto, gefolgt von Bus, Tram- und Eisenbahn, Fahrrad. Doch die Kräfteverhältnisse werden sich verschieben. Die Autobahn des 21. Jahrhunderts ist die der Daten. Digitale Pfade werden beschritten, nicht abgefahrene Asphaltpisten. Flächendeckende Breitband- und Glasfasernetze tun ihr Übriges. Das Auto wird weiter eine Rolle spielen – aber vielleicht keine Hauptrolle mehr.

Stefan Kunzmann

Journalist

Ressorts: Politik, Investigativ, Aktuelles

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Author: Martine Decker

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