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Edito: Terror und Normalität

Nicht schon wieder! Nach den Attentaten auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ und auf einen koscheren Supermarkt im Januar 2015 saß der Schreck tief. Die Anschläge wurden als Angriff auf die Freiheit der Menschen in Europa und in den anderen demokratischen Ländern empfunden. Und doch kehrte man nach einiger Zeit wieder zur sogenannten Normalität zurück. Es folgten die Anschläge im November mit noch mehr Toten. Und wieder war es ein Angriff auf „unsere“ westliche Lebensweise, während in anderen Regionen der Welt längst viele Menschen eine andere Normalität erleben: die des Krieges, der täglichen Bedrohung und der Unsicherheit.

Nach dem Januar 2015 ging es immer so weiter: Die Attentate von Brüssel und Istanbul folgten, dann das Massaker von Orlando. Jedes Mal setzten Trauer, Ohnmacht und Wut ein – sowie die üblichen Mechanismen der Aufarbeitung und Bewältigung. Die Politiker riefen zu erhöhten Sicherheitsmaßnahmen auf und übten sich in Kriegsrhetorik, während sich die rechtspopulistischen Schreihälse bestärkt fühlten und weiter Zulauf fanden.

Auch wenn die Schreckensbilder im Gedächtnis haften blieben, keimte immer wieder auch Hoffnung auf. So verlief die Fußballeuropameisterschaft in Frankreich, wenn auch unter außergewöhnlichen Sicherheitsvorkehrungen und während eines nach wie vor herrschenden Ausnahmezustands, bis auf einige Fankrawalle weitgehend friedlich. Die Rückkehr zur Normalität und das Ende des Ausnahmezustands schienen so greifbar nah. Die Franzosen freuten sich über den Finaleinzug ihrer Mannschaft. In ihrem Land schien sich Entspannung breit zu machen. Und dann Nizza, das ausgerechnet am symbolhaften 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, an dem Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefeiert werden, Schauplatz eines Massakers wurde.

Die Freiheit darf nicht auf dem Scheiterhaufen des Terrors geopfert werden.

Einmal mehr wird einem die Schutzlosigkeit unserer offenen Gesellschaft gegenüber den Attentätern vor Augen geführt, ob sie nun gut organisierte Killerkommandos, die laut Befehl des „Islamischen Staates“ handeln, oder sogenannte „einsame Wölfe“ sind. Fragen werden gestellt: Wie sicher ist man, wenn man zu einem Konzert geht, auf ein Festival, zu einer öffentlichen Feier, auf einen Flughafen, einen Bahnhof oder auf die Straße? Was führt der eine oder andere Mensch, der einem entgegen kommt und sich ungewöhnlich verhält oder vielleicht nur eine Tasche trägt, in der sich womöglich eine Waffe befindet, im Schilde? Der Argwohn hat zugenommen, die Angst greift um sich – vor allem vor Fremden. Das darf nicht sein.

„Angst essen Seele auf“, sagt in dem gleichnamigen Film von Rainer Werner Fassbinder aus den 70er Jahren ein nordafrikanischer Einwanderer. Seine Angst ist die eines Menschen in der Fremde. „Angst isst die Freiheit auf“, könnten viele Menschen sagen, denen die grauenvollen Bilder aus Nizza und Paris, aus Brüssel, Istanbul und Orlando nicht mehr aus dem Kopf gehen. Diese Städtenamen stehen heute auch für den Schrecken. Sie reihen sich ein in die Vielzahl der Schauplätze von Attentaten wie Ankara, Mumbai, London, Madrid – und nicht zu vergessen New York, wo der 11. September 2001 sich nicht nur als Zeitpunkt des größten Attentats der jüngeren Geschichte in die Erinnerungen eingebrannt hat, sondern als schreckliches Menetekel eingangs des 21. Jahrhunderts.

Ob sich die Menschheit in einem Krieg befindet – in einem erklärten oder unerklärbaren, sicherlich nicht in einem Kalten Krieg, der nicht nur ein Gleichgewicht des Schreckens war, sondern in vielen Ländern außerhalb Europas in Form von Stellvertreterkriegen geführt wurde, oder in einem asymmetrischen Krieg, oder in einem der zahlreichen Kriege der Gegenwart – das ist Definitionssache der Politikwissenschaftler. Viel wichtiger ist, wie wir mit dieser neuen schrecklichen Normalität umgehen, die langsam zur Gewohnheit geworden ist.

Es ist die Normalität des Terrors. Wir dürfen sie nicht akzeptieren und dürfen nicht vor ihr kapitulieren. Die Generationen der nach dem Krieg Geborenen in Europa sind im Frieden aufgewachsen. Auch ihre Kinder sollen im Frieden leben. Umso wichtiger ist es, trotz der Gefahren die Freiheit zu verteidigen. Die Angst darf nicht regieren. Nicht die vor Fremden und nicht die vor der Freiheit. Freiheit und Demokratie müssen siegen – und nicht geopfert werden auf dem Scheiterhaufen des Terrors.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Martine Decker

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